Dieses Video wurde am 03.09.2026 von Handelsblatt auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Die VW-Eskalation erreicht eine neue Eskalationsstufe: Bei Europas größtem Autobauer sind die Fronten zwischen Vorstand und Arbeitnehmervertretern so verhärtet, dass ein in der deutschen Wirtschaftsgeschichte beispielloser Schritt droht. Scheitert der Sanierungsplan von Volkswagen-CEO Oliver Blume bei der Aufsichtsratssitzung, soll eine außerordentliche Hauptversammlung die Entscheidung erzwingen – mit ungewissem Ausgang und enormen Risiken für alle Beteiligten.
Zwei Lager, kein Kompromiss – die Machtfrage bei VW
Der Volkswagen-Vorstand ist nicht nur gespalten, er hat sich in zwei klar voneinander getrennte Lager aufgeteilt, die keinen gemeinsamen Nenner mehr finden. Auf der einen Seite steht CEO Blume mit seinem Sanierungsplan, auf der anderen eine entschlossene Arbeitnehmerseite, die diesen Kurs ablehnt.
Als letztes Mittel setzt die Kapitalseite auf Paragraph 111 des Aktiengesetzes, der eine außerordentliche Hauptversammlung ermöglicht – allerdings nur mit einer Dreiviertelmehrheit des vertretenen Grundkapitals. Die Familien Porsche und Piëch halten 53,3 Prozent, die Qatar Holding weitere 17 Prozent. Gemeinsam könnten sie die Schwelle nur mit einem Teil des Streubesitzes erreichen – ein unsicheres Fundament.
Die Arbeitnehmervertreter wollen genau das verhindern und kündigen rechtliche Schritte bis zum Bundesgerichtshof und weiter nach Europa an. Ihr Argument: Die Sperrminorität des Landes Niedersachsen könne nicht einfach durch eine außerordentliche Hauptversammlung ausgehebelt werden. Ein solches Verfahren könnte Jahre dauern.
Schwache Führung in der Krise – das Versagen von Blume und Pötsch
Im Kern der Krise steht ein strukturelles Führungsversagen. CEO Oliver Blume und Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch sind laut Insidern nicht in ihren Positionen, weil ihnen jemand die Lösung der Probleme zutrauen würde – sondern weil niemand die Kraft hatte, Alternativen zu installieren.
Das Ergebnis: Zwei schwache Führungsfiguren in einem Konzern, der starke Entscheidungen dringend bräuchte. Aus VW-Kreisen heißt es, eine außerordentliche Hauptversammlung wäre ein „fatales Signal nach innen wie nach außen”.
- Blumes Sanierungsplan ist intern hochgradig umstritten
- Arbeitnehmer drohen mit Klagen bis zum Europäischen Gerichtshof
- Ein möglicher Rechtstreit könnte Jahre dauern und den Konzern lähmen
- Die Aktionärsstruktur macht eine eindeutige Mehrheit schwierig
Banker warnen vor AfD-Wahlsieg – Sewing spricht Klartext
Parallel zur VW-Krise sorgte der Handelsblatt Bankengipfel für Aufsehen. Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing brach mit der bisher üblichen Zurückhaltung der deutschen Wirtschaftselite gegenüber der AfD. Er warnte offen vor den wirtschaftlichen Folgen eines AfD-Wahlsiegs bei den Landtagswahlen: Investoren weltweit würden sich fragen, was das für die langfristige politische Stabilität und Verlässlichkeit Deutschlands bedeute.
In nahezu jedem Investorengespräch der vergangenen Wochen gehörte die Gefahr eines AfD-Sieges laut Sewing zu den drei meistdiskutierten Themen. Er ergänzte: „Den Zulauf einzelner Parteien kann ich persönlich mit dem Wissen um unsere Geschichte in diesem Land ehrlich gesagt nicht nachvollziehen.”
Sewings ungewöhnlich scharfe Formulierung erklärt sich auch durch seinen Optimismus: Er sieht Deutschland trotz aller Schwierigkeiten wieder auf einem Wachstumskurs von rund einem Prozent – und dieses Potenzial durch politische Instabilität gefährdet.
Weitere Wirtschaftsthemen: Telekom, Commerzbank und Aktienmärkte
Der aktivistische Investor Elliott hat laut Bloomberg-Informationen einen beträchtlichen Anteil an der Deutschen Telekom aufgebaut. Ziel sei es, eine mögliche Fusion der Telekom mit ihrer US-Tochter T-Mobile zu verhindern und stattdessen den Aktionärswert durch Maßnahmen wie deutlich ausgeweitete Aktienrückkäufe zu steigern. Weder Elliott noch die Telekom kommentierten die Berichte.
Bei der Commerzbank zeigte sich Chefin Bettina Orlopp angesichts der drohenden Übernahme durch UniCredit erstmals pragmatisch. Sie signalisierte, dass ihr Verbleib im Amt von einer gemeinsamen strategischen Basis mit dem künftigen Eigentümer abhänge – und wenn diese fehle, müsse man „wie Erwachsene eine Lösung finden”.
Der Norwegische Staatsfonds, der weltgrößte seiner Art, veröffentlichte derweil eine bemerkenswerte Risikoanalyse: In einem Krisenzenario könnte der Fondswert um 30 bis 40 Prozent fallen. Dennoch empfiehlt der Fonds ausdrücklich keine starren Obergrenzen – Konzentration in marktkapitalisierungsgewichteten Indizes sei kein Fehler, sondern Voraussetzung dafür, bei den Gewinnern von morgen dabei zu sein.
Die Lage bei Volkswagen, die Warnungen aus dem Bankensektor und die Bewegungen bei Telekom und Commerzbank verdichten sich zu einem Bild: Die deutsche Wirtschaft steht vor strukturellen Weichenstellungen, deren Ausgang offen ist. Ob bei VW eine außerordentliche Hauptversammlung tatsächlich einberufen wird und welche rechtlichen Konsequenzen das hätte, dürfte die Märkte und die Politik noch monatelang beschäftigen.
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