Weiterbildungssystem: Milliarden für wenig Nutzen
Das staatlich geförderte Weiterbildungssystem kostet Milliarden – doch Recherchen zeigen: Bildungsgutscheine landen oft bei unseriösen Anbietern, ohne Nutzen für den Arbeitsmarkt.
Dieses Video wurde am 22.10.2026 von NIUS auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Das staatlich geförderte Weiterbildungssystem in Deutschland verschlingt Milliarden – mit fragwürdigem Ergebnis. Für das Jahr 2026 hat die Bundesagentur für Arbeit rund 4,12 Milliarden Euro für berufliche Weiterbildungsmaßnahmen vorgesehen. Eine Recherche, bei der Weiterbildungsträger, Lehrkräfte und Kursteilnehmer befragt wurden, zeichnet ein ernüchterndes Bild: Bildungsgutscheine fließen an teils geschlossene Büros, Kurse werden ohne echte Kontrolle absolviert, und der Weg in den Arbeitsmarkt bleibt für viele Teilnehmer versperrt.
Bildungsgutscheine ohne Qualitätskontrolle
Das System funktioniert im Prinzip simpel: Wer arbeitslos ist und sich qualifizieren will, kann über die Arbeitsagentur einen Bildungsgutschein erhalten. Damit sucht man sich einen anerkannten Träger aus, die Kosten übernimmt die Behörde. Seit Januar 2025 gilt das auch für Bürgergeldempfänger – finanziert nun erstmals aus Beiträgen der Arbeitslosenversicherung statt ausschließlich aus Steuermitteln.
Die Ausgaben explodierten daraufhin: Allein für die Förderung beruflicher Weiterbildung stiegen sie von 1,9 Milliarden Euro im Jahr 2024 auf 2,49 Milliarden Euro im Jahr 2025 – ein Plus von knapp 588 Millionen Euro. Hinzu kommen gestiegene Ausgaben für das Arbeitslosengeld während Weiterbildungsphasen. Insgesamt ergibt sich laut eigenen Berechnungen ein Ausgabenanstieg von über 782 Millionen Euro binnen eines einzigen Jahres.
Auf dem offiziellen Weiterbildungsportal mein-NOW finden sich dabei Angebote wie Waldbaden, Tierheilpraktiker oder Akupunktur für Kleintiere – allesamt über Bildungsgutscheine finanzierbar.
Leere Büros, geschlossene Standorte
Vor Ort zeigt sich ein noch deutlicheres Bild des Versagens. Bei Recherchen in Berlin wurden mehrere Weiterbildungsträger aufgesucht, die laut Datenbank geöffnet sein sollten – tatsächlich aber geschlossen oder kaum existent waren.
- Die BSM Personalmanagement GmbH in Berlin-Mitte war trotz offizieller Öffnungszeiten nicht zugänglich; der Standort wurde inzwischen eingestellt.
- In Berlin-Neukölln residiert eine Weiterbildungs-GmbH im Briefkasten einer Altberliner Kneipe – auf Klingeln reagierte lediglich eine ausweichende Person.
- Nachbarn eines weiteren Berliner Standorts berichteten, dass das Büro stets leer stehe, Briefe verstauten und niemand telefonisch erreichbar sei.
- In Berlin-Schöneberg warb die BBM Akademie ausschließlich auf Arabisch damit, wie Arbeitslose Kürzungen durch das Jobcenter umgehen könnten.
Die Bundesagentur für Arbeit verwies auf Anfrage auf das Betriebsgeheimnis und machte keine Angaben dazu, ob sie die betroffenen Einrichtungen gefördert hatte.
Lehrkräfte berichten: Durchschleusen statt Qualifizieren
Ein Lehrer, der bei einem Bildungsträger der Bahn tätig ist und anonym bleiben möchte, schildert den Alltag in seinen Kursen offen. Viele Teilnehmer erfüllten demnach die geforderten Sprachvoraussetzungen nicht – obwohl B2-Niveau nachgewiesen werden müsse, entspreche das in der Praxis oft nur rudimentären Deutschkenntnissen.
„Sie übersetzen vieles in ihrer Sprache und lernen es auswendig”, erklärt er. Das eigentliche Verständnis des Lernstoffs fehle häufig – doch schriftliche Prüfungen könnten nur das bewerten, was niedergeschrieben ist. Teilnehmer seien mitunter fünfmal durch Prüfungen gefallen und trotzdem zum nächsten Modul weitergeleitet worden, obwohl das Eisenbahn-Bundesamt nach dreimaligem Nichtbestehen eine sechsmonatige Pause vorschreibt.
Die Erklärung für dieses Verhalten liegt aus seiner Sicht auf der Hand: „Jeder Teilnehmer bringt Geld. Und jeder Teilnehmer, der vom Jobcenter in einer Maßnahme ist, ist raus aus der Statistik.” Die Bildungsträger hätten damit ein Interesse daran, Teilnehmer zu halten – unabhängig vom Lernerfolg. Gleichzeitig entlaste es die Jobcenter-Sachbearbeiter, die einen Kunden weniger betreuen müssen.
Ein System, das alle profitieren lässt – außer dem Arbeitsmarkt
Die Mechanismen hinter dem Scheitern des Systems lassen sich in drei Punkten zusammenfassen:
- Die Bundesagentur für Arbeit profitiert statistisch: Wer in einer Maßnahme ist, gilt nicht als arbeitslos.
- Private Bildungsträger erhalten üppige Zahlungen pro Teilnehmer – unabhängig davon, ob dieser danach Arbeit findet.
- Teilnehmer selbst müssen keine Konsequenzen fürchten, solange sie formal angemeldet sind.
Ein Kursteilnehmer, der eine Weiterbildung zum E-Commerce-Manager absolviert, beschreibt exemplarisch, wie wenig Kontrolle existiert: Multiple-Choice-Prüfungen ohne Zeitlimit, ohne Aufsicht, mit der Möglichkeit, die Antworten per Suchmaschine nachzuschlagen. Am Ende steht ein Zertifikat – ohne nachgewiesenes Fachwissen.
Einzelne Träger wie die TSA Weiterbildungsakademie in Berlin-Kreuzberg zeigen, dass es auch anders geht: Dort werden Teilnehmer aktiv auf ihre Motivation geprüft, bei fehlender Ernsthaftigkeit aus dem Kurs entfernt. Doch solche Beispiele bleiben die Ausnahme. Die Zahl der Kursabbrüche und Austritte ist bundesweit von rund 279.000 im Jahr 2021 auf über 305.000 im Jahr 2025 gestiegen – ein Anstieg von knapp zehn Prozent. Solange das System Teilnahme statt Erfolg belohnt, dürfte sich daran wenig ändern. Politisch wie strukturell besteht erheblicher Reformbedarf.
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