Dieses Video wurde am 14.08.2026 von Handelsblatt auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Der Hamburger Verkehrsverbund (HVV) arbeitet an einem KI-Sprachassistenten namens Mia – kurz für „Mobiler Intelligenter Assistent”. Das System soll Fahrgästen per Spracheingabe Verbindungen heraussuchen, Tickets buchen und Echtzeit-Abfahrtsinformationen liefern. Was wie eine Siri oder Alexa für den Nahverkehr klingt, ist das ambitionierteste Digitalprojekt des Hamburger Verkehrsverbunds – vorangetrieben von Geschäftsführerin Anna-Theresa Korbutt, die den Satz „geht nicht, gibt’s nicht” zur Maxime ihrer Arbeit gemacht hat.
Was der HVV-Sprachassistent Mia leisten soll
Wer heute eine ÖPNV-App nutzt, kennt das Prozedere: Standort eingeben, Ziel eintippen, Fahrplan auswählen, in den Ticketshop wechseln, Zahlungsmittel eingeben, Ticket kaufen. Korbutt beschreibt diesen Ablauf als „immer mühsam” – besonders dann, wenn man gleichzeitig einen Kinderwagen schiebt und ein Kleinkind am Arm trägt.
Mia soll diesen Prozess auf einen einzigen Sprachbefehl reduzieren. Der Nutzer sagt, wo er ist und wohin er möchte – das System antwortet, zeigt die Route, pusht Echtzeit-Updates und legt das Ticket automatisch hinter dem hinterlegten Zahlungsmittel ab. Geplant ist außerdem eine Kalenderintegration: Das System soll eigenständig erkennen, wann ein Nutzer das Haus verlassen muss, und rechtzeitig über die aktuelle Busposition informieren.
Besonders hervorgehoben wird die Sprachvielfalt: Heute beherrscht Mia rund 30 bis 35 Sprachen fließend, langfristig sind 146 Sprachen angepeilt. Internationale Fahrgäste könnten damit das gesamte HVV-System in ihrer Muttersprache nutzen – etwas, das aktuelle Apps schlicht nicht bieten.
Technologie und Partner: Kein Hexenwerk aus eigener Hand
Der HVV entwickelt Mia nicht im Alleingang. Als zentralen Technologiepartner hat Korbutt das Hamburger Startup Syergeticon gewonnen, das aus der Luft- und Raumfahrtbranche stammt und eng mit dem Airbus-Ökosystem verbunden ist. Für die Produktgestaltung und Messepräsentation arbeitet der Verbund zusätzlich mit einer Kreativagentur zusammen, die sonst Automobilpremieren inszeniert.
Auf der Weltkongressmesse UITP, die 2024 in Hamburg stattfand, stellte der HVV eine futuristische Bushaltestelle vor, an der Besucher erstmals mit einem Avatar sprechen konnten. Was zunächst für Belustigung in der Branche sorgte – „sprechende Bushaltestellen” – war in Wahrheit ein Demonstrator für die zugrundeliegende Technologie. Das Interesse war so groß, dass Gespräche mit Google über mögliche Kooperationen aufgenommen wurden.
Die technische Architektur basiert auf sogenannten KI-Agenten: Software-Komponenten, die eigenständig auf externe Datensysteme zugreifen, um Echtzeitinformationen zusammenzuführen – von Fahrplänen über Zahlungsdienstleister bis hin zu Wetterdaten.
Das 9-Euro-Ticket als Blaupause für schnelle Umsetzung
Dass der HVV unter Korbutt liefern kann, bewies die Einführung des 9-Euro-Tickets im Jahr 2022. Als der Bund Mitte März die Entlastungsmaßnahme beschloss, sollte der gesamte ÖPNV in Deutschland innerhalb weniger Wochen bereit sein. Die Branche reagierte mit Aufschrei: Normaler Vorlauf für Preisänderungen beträgt sechs bis neun Monate.
Korbutt übernahm die Projektleitung direkt aus der Verbund-Sitzung heraus und setzte die Umsetzung fristgerecht um. Ihrer Aussage nach wäre der HVV sogar innerhalb der ursprünglich kommunizierten sechs Wochen fertig gewesen. Was die Umsetzung ermöglichte:
- Konsequentes Ausblenden von Beschluss- und Genehmigungsprozessen, wo rechtlich möglich
- Direkte Übernahme der Projektverantwortung durch die Geschäftsführerin
- Klare Vision, die Mitarbeitende motivierte, Teil einer Erfolgsgeschichte zu sein
- Bereitschaft, bestehende Vorlaufzeiten aktiv zu hinterfragen statt als unveränderlich hinzunehmen
Die Episode habe die Organisation nachhaltig verändert, so Korbutt: „Der HVV ist nach Einführung des Deutschlandtickets ein ganz anderer als davor.”
Interne Transformation: Noch zur Hälfte des Weges
Neben den Leuchtturmprojekten nach außen beschreibt Korbutt die interne Digitalisierung als ebenso anspruchsvoll. Bei ihrem Amtsantritt vor fünfeinhalb Jahren wurden Aufsichtsratsunterlagen ausschließlich in Word erstellt; PowerPoint galt als nicht genutztes IT-Tool. Heute verfügt der HVV über die digitale Unterschrift – ein Prozess, der vier Jahre Überzeugungsarbeit erforderte, nicht wegen des Einkaufsprozesses, sondern wegen der kulturellen Verankerung in der Organisation.
Korbutt schätzt die interne Transformation als zu rund 50 Prozent abgeschlossen ein. Ihr Credo: Kein IT-Tool verändert eine Organisation, wenn die Mitarbeitenden es nicht nutzen wollen. Transformation bedeute, Menschen dazu zu bringen, neue Werkzeuge als eigene Verbesserung zu empfinden – nicht als Anweisung von oben.
Für Sommer 2025 kündigt der HVV einen weiterentwickelten Prototyp von Mia an – mobil und stationär, mit integriertem Ticketkauf und stärker intermodalen Funktionen. Ob das System dann auch überregional nutzbar sein wird, hängt von der Zahl der Partnerverbünde ab. Das übergeordnete Ziel bleibt klar: ÖPNV so einfach machen wie ein Gespräch – und damit eine Branche modernisieren, der man Innovationsbereitschaft lange nicht zugetraut hat.
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