Dieses Video wurde am 15.08.2026 von WELT Nachrichtensender auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Das Spiegel-Titelblatt über den AfD-Politiker Ulrich Siegmund sorgt für anhaltende Debatten in der Medienbranche. Ulf Poschardt, früherer Chefredakteur der Welt, hat das Cover in einem Studiogespräch scharf kritisiert und dem Nachrichtenmagazin vorgeworfen, journalistische Standards zugunsten politischer Kampagnenmache zu opfern. Gleichzeitig räumt er ein: Allein die breite Diskussion über das Heft beschert dem Spiegel ungewollte Aufmerksamkeit – und möglicherweise steigende Verkaufszahlen in Sachsen-Anhalt.
Spiegel-Cover als „journalistischer Offenbarungseid”
Poschardt bezeichnet die Geschichte hinter dem Titelblatt als „armselig” und findet in dem Beitrag keinen überzeugenden Beleg dafür, warum Siegmund eine besondere Gefahr darstellen soll. Wer den Artikel genau lese, stoße lediglich auf Punkte aus dem AfD-Wahlprogramm, die als Beweis für Radikalität präsentiert würden – darunter die Forderung nach einer patriotischen Kulturpolitik und die Ablehnung von Subventionen für „antideutsche Kunst”.
Poschardt vergleicht das Cover mit dem früheren Stern-Titel über Giorgia Meloni, der sie als „gefährlichste Frau Europas” bezeichnete. Wenige Jahre später kooperieren europäische Regierungen verschiedenster Couleur mit der italienischen Regierungschefin. Das Muster wiederhole sich: Die mediale „Antifah-Hysterie”, wie Poschardt es nennt, verfehle ihre Wirkung und stärke am Ende die Porträtierten.
Siegmunds Reaktion und die Ironie des Verkaufserfolgs
Besonders pikant: Ein Landtagsabgeordneter der AfD aus Sachsen-Anhalt teilte ein Foto, auf dem Siegmund die Spiegel-Ausgabe signiert. Der Politiker soll dabei souverän und „siegesgewiss” reagiert haben – und erwog sogar, das Exemplar für sieben Euro zu kaufen.
Für Poschardt ist das die eigentliche Pointe der Geschichte: Die AfD kauft das Magazin, das sie angreifen soll, als Werbemittel. Er kündigte an, prüfen zu wollen, ob solche gekauften Spiegelexemplare von der AfD steuerlich als Werbungskosten abgerechnet werden könnten – eine Frage, die die Absurdität der Situation auf die Spitze treibt. Ein bittereres Ergebnis für Autoren und Redaktion sei kaum denkbar.
Kulturpolitik und die Grenzen der Medienkritik
Poschardt differenziert bei der inhaltlichen Bewertung der AfD-Positionen. Er betont, selbst liberal zu sein und keine Sympathie für nationalistisch motivierte Kulturpolitik zu hegen. Dennoch sieht er in der pauschalen Verurteilung ein Problem:
- Jahrzehntelange staatliche Förderung linksradikaler oder esoterischer Kulturprojekte sei ebenfalls kritikwürdig gewesen.
- Die Antisemitismus-Debatte rund um die Documenta habe gezeigt, dass auch etablierte Kulturinstitutionen versagen können.
- Wer eine andere ästhetische Meinung vertrete – etwa Kritik am Bauhaus –, sei deshalb noch kein gefährlicher Mensch.
- Eine Ausstellung zu Denkern wie Ernst Jünger zu fordern sei eine legitime kulturpolitische Position, keine Bedrohung.
Der Konflikt um den Bauhausstandort Dessau liegt Poschardt besonders am Herzen: Er sei selbst hundertfach in den Bauhausmeisterhäusern gewesen und schätze die dortige Architektur sehr. Trotzdem gelte: Unterschiedliche Geschmacksurteile machten niemanden gefährlich.
Relevanz klassischer Medien schwindet
Poschardt weitet seine Kritik auf die Medienlandschaft insgesamt aus. Die Wirkungskraft großer Nachrichtenmagazine nehme spürbar ab, während Podcasts und digitale Formate an Einfluss gewinnen. Auftritte in Formaten wie „Hoss und Hopf” oder dem Apollo-Podcast erreichten heute ein Publikum, das weit über die Leserschaft des Spiegels hinausgehe.
Gleichzeitig nutzt er das Gespräch, um auf seine eigene Mediengeschichte zu verweisen: Auch er selbst sei vom Spiegel als „gefährlicher Publizist” eingestuft worden – obwohl er ein Leben lang gemäßigte bürgerliche Positionen vertreten habe. Das zeige, wie inflationär der Begriff der Gefährlichkeit in der deutschen Medienberichterstattung eingesetzt werde.
Der Streit um das Spiegel-Cover ist letztlich mehr als ein Einzelfall: Er spiegelt eine tiefere Vertrauenskrise wider, die etablierte Medien mit einem wachsenden Teil ihres früheren Publikums trennt. Ob das Magazin aus der Debatte gestärkt hervorgeht oder ob die Kritik an seinen Methoden nachhallt, wird sich bei den nächsten Verkaufszahlen und der weiteren Berichterstattung zeigen.
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