Linke unter Druck: Antisemitismus-Debatte nach Berlin-Wahl
Nach dem Berliner Wahlsieg steht die Linke in der Antisemitismus-Debatte unter Druck. Parteichefin Schwerdtner wehrt sich – Kritiker bleiben skeptisch.
Dieses Video wurde am 28.09.2026 von WELT Nachrichtensender auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Nach dem Berliner Wahlsieg der Linken ist die Partei in eine tiefe Antisemitismus-Debatte geraten. Im Mittelpunkt stehen Fotos von einem Linken-Politiker mit einem mutmaßlichen Aktivisten der als Terrororganisation eingestuften PFLP, Chatverläufe sowie Vorwürfe aus der Bundesregierung. Parteichefin Ines Schwerdtner wies die Angriffe auf einer Bundespressekonferenz als politisch motivierte Kampagne zurück – Kritiker wie Volker Beck, Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, widersprechen ihr vehement.
Schwerdtner: Angriffe sind politisch motiviert
Schwerdtner bezeichnete die Vorwürfe gegen die Linke als koordinierte Kampagne mit zwei Stoßrichtungen: Immobilienkonzerne wollten ihre Gewinne schützen, die Bundesregierung wolle von ihrer eigenen Politik ablenken. Besonders scharf kritisierte sie Innenminister Alexander Dobrindt, der die Berliner Spitzenkandidatin Elif Eralp öffentlich als Antisemitin bezeichnet hatte. Die Linke habe dagegen Anzeige erstattet.
Noch schärfer ging Schwerdtner mit Wirtschaftsministerin Katharina Reiche ins Gericht. Diese habe auf dem offiziellen Kanal des Bundeswirtschaftsministeriums mit Steuergeldern Propaganda gegen die Linke betrieben, indem sie Enteignung, Antisemitismus und organisierte Kriminalität in einem Atemzug nannte. „Das ist ein Missbrauch öffentlicher Mittel”, sagte Schwerdtner und kündigte rechtliche Schritte an.
Der Fall Kocak: Transparenz versprochen, noch nicht geliefert
Ausgangspunkt der Debatte sind Fotos, die auf der Berliner Wahlparty im Bezirk Neukölln entstanden sind und den Linken-Politiker Ferat Kocak gemeinsam mit Ibrahim Ibrahim zeigen – einem Mann, dem Verbindungen zur PFLP nachgesagt werden. Kocak habe sich umgehend distanziert und vollständige Transparenz zugesagt, betonte Schwerdtner.
Journalisten hakten nach: Sei diese Transparenz tatsächlich schon hergestellt worden? Schwerdtners Antwort war ausweichend – Kocak sei „mittendrin”, das aufzuklären. Die Partei gehe davon aus, dass dies zeitnah geschehe.
- Fotos von Kocak mit Ibrahim Ibrahim auf der Wahlparty in Neukölln
- Ibrahim Ibrahim wird als PFLP-Aktivist eingestuft
- Kocak distanzierte sich öffentlich und versprach Aufklärung
- Vollständige Transparenz zum Zeitpunkt der Pressekonferenz noch ausstehend
Kritiker: Kein Einzelfall, sondern strukturelles Problem
Volker Beck, Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, wies Schwerdtners Darstellung entschieden zurück. Er sprach von einem „strukturellen Parteiproblem”: Ibrahim Ibrahim sei nicht nur auf einem Foto mit Kocak aufgetaucht, sondern auch auf dem Instagram-Account der Linken Neukölln und gemeinsam mit weiteren Parteivertreterinnen. Die Linke Neukölln und die Berliner Linke hätten massenhaft Mitglieder aufgenommen, bei denen „der Israelhas ihre politische Identität konturiert”.
Beck äußerte konkrete Sicherheitsbedenken: Sollten Parteikader mit Verbindungen zu terrorismusnahen Strukturen Führungspositionen in Senatsverwaltungen besetzen, könnten Sicherheitsmaßnahmen für gefährdete Personen gefährdet werden. Er verwies auf Terrorermittlungen des Generalbundesanwalts aus dem Jahr 2025, die Berlin direkt betrafen.
Journalistin Dorothea Schupelius ergänzte, die Linke wende bei sich selbst keine Maßstäbe an, die sie gegenüber der AfD stets einfordere. Zudem sei es nicht glaubwürdig zu behaupten, man habe Ibrahim Ibrahim nicht gekannt. Den Antisemitismus auf Einzelfälle zu reduzieren, greife angesichts des Wahlkampfes der Linken mit bestimmten Wählergruppen zu kurz.
Pflegereform und Sozialproteste: Die verdrängte Agenda
Dabei hatte Schwerdtner die Pressekonferenz ursprünglich auch nutzen wollen, um über sozialpolitische Themen zu sprechen. Sie verwies auf bundesweite Sozialproteste mit rund 175.000 Teilnehmenden in 15 Städten, darunter 30.000 in Frankfurt und 25.000 in Nürnberg. Der Protest richte sich gegen geplante Kürzungen bei der Pflegereform, beim Wohngeld und gegen die Abschaffung der abschlagsfreien Rente nach 45 Beitragsjahren.
Die Linke fordert eine solidarische Pflegevollversicherung, in die alle Einkommensarten einzahlen – ohne Sondersysteme für Gutverdiener, Beamte oder Kapitalerträge. Bereits heute sei Pflegebedürftigkeit für jeden Vierten ein Armutsrisiko. Dieses Thema wurde auf der Pressekonferenz jedoch schnell von der Antisemitismus-Debatte überlagert.
Die Linke steht nach ihrem Berliner Wahlerfolg vor einer doppelten Herausforderung: Sie muss die offenen Fragen rund um Kocak und seine Kontakte glaubwürdig aufklären – und zugleich verhindern, dass die Antisemitismus-Debatte ihre sozialpolitische Agenda dauerhaft verdrängt. Wie die Partei diese Gratwanderung bewältigt, dürfte über ihre Regierungsfähigkeit in Berlin mitentscheiden.
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