Physische KI: Welche Aktien jetzt profitieren
Physische KI revolutioniert die Robotik – chinesische Anbieter dominieren den Markt. Welche Aktien und ETFs Anleger jetzt im Blick haben sollten und was die EZB-Zinspolitik damit zu tun hat.
Dieses Video wurde am 02.10.2026 von Handelsblatt auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Die Euro-Inflation ist im September 2026 auf 3,8 Prozent gestiegen – den höchsten Stand seit drei Jahren. Gleichzeitig rückt ein neues Technologiethema in den Fokus der Märkte: physische KI, also künstliche Intelligenz, die in Roboter integriert wird und diesen ermöglicht, ihre Umgebung selbstständig wahrzunehmen und zu handeln. Beide Entwicklungen bewegten an diesem Freitag die Finanzmärkte spürbar – und werfen wichtige Fragen für Anlegerinnen und Anleger auf.
Euro-Inflation auf Drei-Jahres-Hoch: EZB unter Druck
Die Inflationsrate in der Eurozone kletterte im September auf 3,8 Prozent, nach 3,2 Prozent im August. Das ist der höchste Wert seit drei Jahren und liegt weit über dem EZB-Zielwert von 2 Prozent. Bereits die deutsche Inflationsrate hatte mit 3,3 Prozent überrascht – ähnliche Tendenzen zeigten sich in Frankreich, Spanien und Italien.
Der wichtigste Treiber sind die Energiepreise, die im Jahresvergleich um fast 19 Prozent gestiegen sind. Aber auch die Kerninflation – ohne Energie und Lebensmittel – erhöhte sich leicht von 2,4 auf 2,5 Prozent. Preisanstiege bei Fluggesellschaften, Hotels sowie bei Smartphones und IT-Ausrüstung trugen ebenfalls bei. Letztere werden durch den KI-Boom und die damit verbundene hohe Chipnachfrage verteuert.
Trotz der hohen Inflation sehen Terminmarkt-Händler die Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung im Oktober nur bei 18 Prozent. EZB-Direktorin Isabel Schnabel signalisierte in einer Rede, dass die langfristigen Inflationserwartungen stabil seien und man bei der Zinspolitik Geduld haben könne – eine implizite Absage an eine schnelle Erhöhung.
US-Arbeitsmarkt schwächelt – Märkte reagieren positiv
Aus den USA kamen ebenfalls wichtige Daten: Im September wurden nur 29.000 neue Stellen geschaffen, erwartet worden waren 84.000. Die Arbeitslosenquote stieg auf 4,2 Prozent statt der erwarteten 4,1 Prozent.
Für die US-Notenbank Federal Reserve, die ein doppeltes Mandat für Preisstabilität und Vollbeschäftigung hat, verschiebt sich damit das Bild: Ein schwächerer Arbeitsmarkt nimmt den Druck, die Zinsen weiter zu erhöhen, und gibt Argumente für eine Zinspause.
Die Märkte reagierten positiv:
- Der Dow Jones legte rund 0,8 Prozent zu
- S&P 500 und Nasdaq 100 stiegen um rund 1 Prozent
- Die Rendite der zehnjährigen US-Staatsanleihe fiel unter 5,2 Prozent, nachdem sie zuvor auf 5,3 Prozent – den höchsten Stand seit 2002 – geklettert war
- Der DAX gewann mehr als 1 Prozent und überstieg wieder die Marke von 25.000 Punkten
Physische KI: Roboter lernen selbst – ein neues Investmentthema
Neben den Konjunkturdaten rückt ein strukturelles Zukunftsthema in den Anlegerfokus: physische KI. Gemeint ist damit KI, die nicht nur Sprache verarbeitet, sondern in Maschinen integriert wird, um die physische Umwelt wahrzunehmen und eigenständig zu handeln.
Der entscheidende technologische Fortschritt ist das sogenannte In-Context-Lernen: Moderne Roboter beobachten, wie ein Mensch eine Aufgabe ausführt, und passen ihr Verhalten unmittelbar an – ohne wochenlange Simulationen und aufwändige Programmierzyklen. Das macht sie deutlich flexibler als bisherige Automatisierungssysteme.
Besonders relevant ist das vor dem Hintergrund des demografischen Wandels: In alternden Gesellschaften könnten Roboter mit physischer KI den Fachkräftemangel in Pflege, Service und Produktion abmildern. Gleichzeitig sinken die Kosten für Roboter, während Lohnnebenkosten steigen – das verbessert die Wirtschaftlichkeit solcher Investitionen erheblich.
Investieren in physische KI: Zulieferer statt Hersteller
Der Markt für humanoide Roboter steckt noch in einer frühen Phase. Überraschend: Tesla hält laut Schätzungen für 2025 lediglich einen Marktanteil von rund 1 Prozent. Marktführend sind stattdessen die chinesischen Unternehmen Agibot und Unitree mit zusammen rund 71 Prozent Marktanteil.
Goldman Sachs schätzt das globale Marktvolumen für physische KI auf rund 38 Milliarden Dollar bis 2035; Morgan Stanley sieht den adressierbaren Markt bis 2050 bei bis zu 5 Billionen Dollar – mit erheblichen Unsicherheiten.
Experten empfehlen, analog zum legendären Investor André Kostolany beim „Goldrausch in die Schaufeln” zu investieren – also in Zulieferer statt in Roboterhersteller. Konkrete Beispiele:
- Cognex (USA): Bildverarbeitungslösungen für Fertigung und Logistik
- Hesai und Robosense (China): Lidar-Sensoren zur dreidimensionalen Umfelderfassung
- Ouster (USA): Ebenfalls Lidar-Technologie
- Harmonic Drive Systems (Japan): Hochpräzise Antriebstechnik für die Automatisierung
Alternativ bieten sich Robotik-ETFs an, die eine breitere Streuung ermöglichen. Für deutsche Anleger ist zudem zu beachten, dass viele Einzelwerte nur an ausländischen Börsen gehandelt werden und der Handel mitunter illiquide ist, was Renditen durch Kauf- und Verkaufsaufschläge schmälern kann.
Physische KI bleibt damit eine Wette auf die Zukunft mit großem Potenzial, aber realen Risiken. Wer investieren möchte, sollte sowohl die technologische Entwicklung als auch die Marktstruktur genau verfolgen – und das Thema eher als Satelliten- denn als Kerninvestment betrachten.
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