Rente mit 70: Experte fordert echte Rentenreform
Finanzprofessor Bernt Raffelhüschen kritisiert den geplanten Rentenkompromiss als „faul" und fordert die Rente mit 70 bis 2030 – ein Überblick über seine Argumente.
Dieses Video wurde am 20.10.2026 von WELT Nachrichtensender auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Die Debatte um die Rentenreform in Deutschland spitzt sich zu. Bernt Raffelhüschen, Professor für Finanzwirtschaft, übt scharfe Kritik am aktuell diskutierten Kompromiss zur Rentenreform. Er bezeichnet ihn als „faulen Kompromiss” und fordert stattdessen eine konsequente Anhebung des Renteneintrittsalters auf 70 Jahre – und zwar bereits bis zum Jahr 2030. Nur so lasse sich die demografische Schieflage im deutschen Rentensystem wirklich beheben.
Abschlagsfreie Rente: Ein teures Subventionsmodell
Raffelhüschen rechnet klar ab: Die abschlagsfreie Rente – etwa die vielkritisierte Rente mit 63 – sei keine Belohnung für Lebensleistung, sondern schlicht eine Subvention des vorgezogenen Ruhestands. Wer früher in Rente gehe, beziehe diese schlicht länger und zahle dafür nicht selbst auf. Stattdessen würden die Kosten auf die verbleibenden Beitragszahler umgewälzt.
Versicherungsmathematisch seien die aktuellen Abschlagsregelungen ebenfalls falsch. Statt der derzeit gültigen 0,3 Prozent Abschlag pro Monat seien 0,4 bis 0,5 Prozent notwendig – für alle Versicherten gleichermaßen, unabhängig vom Zeitpunkt des Renteneintritts. Nur so ließe sich ein gerechtes und nachhaltiges System gewährleisten.
Kompromiss löst das Problem nicht
Der derzeit diskutierte politische Kompromiss sieht vor, Beitragszeiten höher zu gewichten als beitragslose Zeiten wie Kindererziehungsphasen. Raffelhüschen hält diese Differenzierung für ökonomisch fragwürdig: Entweder habe jemand gearbeitet oder nicht – eine unterschiedliche Gewichtung von Zeiten widerspreche dem Grundprinzip einer versicherungsbasierten Rente.
Besonders kritisch sieht er, dass der Kompromiss weder alle Empfehlungen der zuständigen Kommission umsetzt noch an die Wurzel des Problems geht. Der Streit darüber zieht sich durch alle beteiligten Parteien – sowohl in der SPD als auch in der Union gibt es erheblichen Widerstand.
Rente mit 70 bis 2030 – Vorbild Schweden
Eine echte Reform, so Raffelhüschen, müsse nach dem Verursacherprinzip funktionieren: Die geburtenstarken Jahrgänge der Babyboomer hätten die demografische Schieflage mitverursacht und müssten deshalb länger arbeiten. Konkret fordert er:
- Anhebung des Renteneintrittsalters auf 70 Jahre bis spätestens 2030
- Wiedereinführung des Nachhaltigkeitsfaktors aus der Agenda 2010 unter Gerhard Schröder
- Abschaffung aller abschlagsfreien Rentenoptionen
- Höhere monatliche Abschläge von 0,4 bis 0,5 Prozent beim vorzeitigen Renteneintritt
Als Vorbild nennt er Schweden, das ein flexibles Rentensystem bereits 1990 eingeführt hat. Deutschland habe diese Entwicklung verschlafen.
Demografische Zeitbombe tickt – politischer Mut fehlt
Raffelhüschen warnt vor einem engen Zeitfenster: Ab 2035 werden alle geburtenstarken Jahrgänge das Erwerbsleben verlassen haben. Reformen, die erst danach wirken, kommen zu spät und entlassen die Verursacher der Krise aus der Verantwortung.
Das eigentliche Problem sei politischer Natur: Der Medianwähler in Deutschland ist inzwischen über 56 Jahre alt. Jede Regierung, die echte Einschnitte beim Renteneintrittsalter durchsetzen will, handelt gegen die Mehrheit ihrer Wählerinnen und Wähler. Das erkläre, warum bislang kein politischer Akteur den nötigen Mut aufgebracht habe.
Die Generationengerechtigkeit bleibt damit das zentrale ungelöste Problem des deutschen Rentensystems. Solange die Politik auf faule Kompromisse setzt statt auf strukturelle Reformen, dürfte der Rentendruck auf die jüngere Generation weiter wachsen – und das Akzeptanzproblem gegenüber den Sozialversicherungssystemen zunehmen.
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