Netanjahu vor Wahlniederlage: Das sind seine Rivalen
Bei Israels vorgezogener Parlamentswahl am 27. Oktober droht Netanjahu laut Umfragen eine Niederlage. Wer seine stärksten Konkurrenten sind und wer Königsmacher werden könnte.
Dieses Video wurde am 20.10.2026 von Handelsblatt auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Bei den vorgezogenen Parlamentswahlen in Israel am 27. Oktober steht Benjamin Netanjahu vor einer historischen Herausforderung: Aktuelle Umfragen sehen den längst amtierenden Ministerpräsidenten des Landes und seine Likud-Partei in der Defensive. Der Hamas-Überfall vom 7. Oktober 2023 hat Netanjahus Ruf als Sicherheitsgarant nachhaltig beschädigt – obwohl die Bevölkerung die Militäroffensiven gegen Hamas, Hisbollah und den Iran mehrheitlich unterstützt. Das Vertrauen in seine persönliche Führungsstärke ist dennoch deutlich gesunken.
Netanjahus Ruf nach dem 7. Oktober beschädigt
Benjamin Netanjahu, von seinen Anhängern kurz „Bibi” genannt, ist seit 1996 insgesamt fünfmal an der Spitze einer israelischen Regierung gestanden. Doch der Terrorangriff der Hamas hat seine politische Stellung grundlegend erschüttert. Während breite Bevölkerungsschichten die militärischen Reaktionen Israels auf Gaza, den Libanon und den Iran gutheißen, zeigen Umfragen ein deutlich geschwundenes Vertrauen in Netanjahus Entscheidungsfähigkeit als Führungspersönlichkeit.
Kritiker werfen ihm vor, die Sicherheitslage vor dem Angriff fahrlässig eingeschätzt zu haben. Dieser Vertrauensverlust dürfte bei der Parlamentswahl eine zentrale Rolle spielen und das politische Feld für eine Reihe ambitionierter Herausforderer öffnen.
Gadi Eisenkott: Der General als Hauptkonkurrent
Gadi Eisenkott, ehemaliger Generalstabschef der israelischen Armee, gilt mit seiner neu gegründeten Partei Yascha als einer der stärksten Rivalen Netanjahus. Eisenkott hat den Gaza-Krieg auch persönlich schmerzhaft erlebt: Er verlor im Konflikt einen Sohn und zwei Neffen.
Im Falle eines Wahlsieges verspricht er, die Herrschaft der Hamas im Gazastreifen innerhalb von 18 Monaten zu beenden. Die fortdauernde Macht der radikalislamischen Organisation drei Jahre nach Kriegsbeginn sei, so Eisenkott, ein klares Versagen der Regierung Netanjahu. Sein militärischer Hintergrund verschafft ihm in sicherheitspolitischen Debatten besondere Glaubwürdigkeit.
Bennett, Lapid und Liebermann: Allianz und Einzelkämpfer gegen Netanjahu
Gleich mehrere frühere Spitzenpolitiker treten als Herausforderer an:
- Naftali Bennett (rechts) und Jair Lapid (zentristisch) haben ihre Kräfte in einer gemeinsamen Allianz gebündelt und werden in Umfragen gute Chancen eingeräumt.
- Avigdor Liebermann, rechtsextremer Ex-Verteidigungsminister und einer der schärfsten Netanjahu-Kritiker, tritt ebenfalls an.
- Auch die sozialdemokratisch geprägte Partei Demokraten unter Yair Golan, die weiterhin eine Zweistaatenlösung mit den Palästinensern befürwortet, ist im Rennen.
Das Feld der Netanjahu-Gegner ist damit ideologisch breit aufgestellt – von links bis rechtsextrem, geeint vor allem durch den Wunsch nach einem Führungswechsel.
Bengvir und Abbas: Zwischen Zuwachs und Zünglein an der Waage
Überraschend stark präsentiert sich in aktuellen Erhebungen Itamar Ben-Gvir, der amtierende Polizeiminister und Vorsitzende der Partei Jüdische Stärke. Der wegen rechtsextremer Äußerungen umstrittene, fundamentalreligiöse Politiker findet offenbar auch unter jungen urbanen Wählern Anklang. Seine Partei, 2022 noch auf eine Koalition mit zwei weiteren Rechtsaußen-Gruppen angewiesen, kommt laut Umfragen nun allein auf mehr als acht Sitze – ähnlich viele wie die Demokraten unter Golan.
Entscheidende Bedeutung könnte der vereinigten arabischen Liste unter Mansur Abbas zukommen. Die arabische Minderheit stellt gut 20 Prozent der israelischen Bevölkerung. Umfragen zufolge könnte Abbas mit seiner Liste rund fünf Sitze erringen – und damit zum Königsmacher avancieren. Eisenkotts zentristische Allianz aus rechten und linken Parteien könnte zwar die meisten Sitze gewinnen, eine regierungsfähige Mehrheit aber verfehlen. In diesem Szenario wäre Abbas’ Unterstützung unverzichtbar.
Ob Netanjahu trotz aller Widerstände eine weitere Amtszeit sichern kann oder ob Israel nach der Wahl am 27. Oktober in eine neue politische Ära eintritt, wird maßgeblich davon abhängen, wie die vielfältigen Oppositionslager letztlich kooperieren – und ob der arabischen Liste tatsächlich die Rolle des Züngleins an der Waage zufällt.
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