Manuela Schwesig: Kanzlerkandidatin der SPD?
Nach dem Wahlerfolg in Mecklenburg-Vorpommern rückt Manuela Schwesig als mögliche SPD-Kanzlerkandidatin in den Fokus – trotz Nordstream-Affäre und Russlandnähe.
Dieses Video wurde am 20.09.2026 von WELT Nachrichtensender auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Nach einem starken Wahlergebnis in Mecklenburg-Vorpommern gilt Manuela Schwesig in politischen Beobachterkreisen als eine der aussichtsreichsten Kandidatinnen für eine SPD-Kanzlerkandidatur. Dabei spielen ihr Durchsetzungsvermögen, ihr Umgang mit der AfD und die umstrittene Geschichte rund um die Nordstream-Klimastiftung eine zentrale Rolle. Die Diskussion zeigt: Schwesig polarisiert – und genau das macht sie politisch interessant.
Wahlsieg als Sprungbrett für die Kanzlerkandidatur
Mit einem Ergebnis von deutlich über 30 Prozent hat die Ministerpräsidentin ihre Stellung in Mecklenburg-Vorpommern eindrucksvoll gefestigt. Politische Analysten sehen darin ein Signal, das weit über die Landesgrenzen hinausreicht. Schwesig gilt als Beleg dafür, dass die SPD auch in strukturschwachen ostdeutschen Regionen wählbar bleibt – und zwar trotz eines starken AfD-Gegenwinds.
Ein sofortiges Greifen nach dem SPD-Parteivorsitz oder einer Spitzenkandidatur wird ihr allerdings nicht zugetraut. Dafür sprechen zwei handfeste Gründe:
- Die Wählerinnen und Wähler im Nordosten erwarten, dass ihre Ministerpräsidentin im Land bleibt und regiert.
- Die anstehende Regierungsbildung in Schwerin dürfte sich als außerordentlich komplex erweisen – mit einer so starken Opposition wie nie zuvor.
- Zu frühe Ambitionen könnten als Verrat an den eigenen Wählern gewertet werden.
Realistischer scheint ein Zeitfenster von ein bis zwei Jahren: etwa nach der NRW-Landtagswahl oder der Niedersachsenwahl, wenn sich die bundespolitische Lage neu sortiert hat.
Nordstream-Affäre: Bürde oder heimlicher Vorteil?
Kaum ein Thema hat Schwesigs bundespolitisches Profil so beschädigt wie die Klimastiftung Mecklenburg-Vorpommern, die 2021 gegründet wurde, um US-Sanktionen gegen den Bau der Ostsee-Pipeline zu umgehen. Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine wurde diese Entscheidung zur politischen Hypothek – besonders in der westdeutschen Öffentlichkeit.
Paradoxerweise könnte genau dieser Makel ihr im Wahlkampf in Mecklenburg-Vorpommern genutzt haben. Schwesig kann glaubhaft machen, dass sie die Fehler der Vergangenheit erkannt hat und heute klar an der Seite der Ukraine steht. Gleichzeitig schreckt sie damit jene Wählerinnen und Wähler nicht ab, die einer gewissen Russlandfreundlichkeit gegenüber traditionell aufgeschlossen sind – ein Meinungsbild, das in der Region parteiübergreifend verbreitet ist.
Historisch gesehen ist dieser Befund nicht überraschend: Zur Einweihung der umstrittenen Pipeline standen Politiker aller großen Parteien Seite an Seite – von Angela Merkel über CSU-Wirtschaftsminister Glos bis zu EU-Kommissionsvertreter Günther Oettinger. Das wird heute oft verdrängt.
Kreml-Parteien und ein eklatanter Unterschied
In sozialen Netzwerken kursieren Berechnungen, die SPD, AfD und BSW unter dem Begriff „Kreml-Parteien” zusammenfassen und auf angebliche Zustimmungswerte von über 80 Prozent kommen. Politische Beobachter halten diese Gleichsetzung für grob irreführend.
Der Unterschied ist fundamental: AfD und BSW vertreten Positionen, über die sich der russische Präsident Putin nachweislich freut – der Kreml hat sich sogar öffentlich zu den Landtagswahlen geäußert. Die SPD in Mecklenburg-Vorpommern hingegen mag eine komplizierte Geschichte mit der Russlandpolitik haben, steht aber nicht für eine strukturelle Nähe zum Kreml.
Hinzu kommt ein oft verschwiegener Fakt: Es war der Kreml selbst, der Nordstream abstellte – nicht die Bundesregierung, wie die AfD suggeriert. Dass die Pipeline später gesprengt wurde, ändert nichts an dieser politischen Verantwortung.
Wer kann die AfD stoppen? Die Suche nach dem richtigen Kandidaten
Die Debatte um Schwesig ist Teil einer größeren Frage: Wer wird 2029 oder früher in der Lage sein, die AfD im Wahlkampf wirksam zurückzudrängen? Diese Frage bestimmt inzwischen die Kandidatendiskussion quer durch alle Parteien.
Das Muster ist überparteilich: Wer beweisen kann, dass er oder sie der AfD Stimmen abspenstig machen oder ihren Aufstieg bremsen kann, hat die besten Karten für eine Spitzenkandidatur. Das gilt für die SPD ebenso wie für die Grünen – wo Cem Özdemir als möglicher Kandidat gehandelt wird – oder die Union, wo nach einem möglichen NRW-Wahlerfolg Henrik Wüst oder Markus Söder in Position gebracht werden könnten. Eine erneute Kandidatur von Friedrich Merz gilt unter Beobachtern als wenig wahrscheinlich.
Schwesig hätte in diesem Rennen einen entscheidenden Vorteil: Sie hat in einem der AfD-stärksten Bundesländer gewonnen – und kann das als Beweis ihrer Durchsetzungskraft ins Feld führen. Ob sie diese Chance nutzt, dürfte sich in den kommenden ein bis zwei Jahren entscheiden.
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