Dieses Video wurde am 20.08.2026 von WELT Nachrichtensender auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Ein ungewöhnlich großes NATO-Manöver direkt vor russischem Territorium hat international Aufmerksamkeit erregt. Beteiligt waren Lufteinheiten, die in dieser Region selten zu sehen sind — darunter Kräfte mit der Fähigkeit, russische Luftverteidigungsanlagen in Kaliningrad mittels elektronischer Kriegsführung auszuschalten. Politikwissenschaftler Carlo Masala von der Bundeswehruniversität München ordnet die aktuellen Entwicklungen im Ukraine-Krieg ein: von der Infrastrukturkampagne über ukrainische Drohnenangriffe bis hin zu Selenskyis innenpolitischem Druck.
NATO-Manöver als Abschreckungssignal gegenüber Moskau
Das großangelegte NATO-Manöver nahe russischem Gebiet wurde möglicherweise durch neue Satellitenbilder ausgelöst, die den Aufbau großer Drohnenabschussrampen in Russland zeigen. Masala sieht zwei mögliche Erklärungen für das Manöver:
- Ein spontan geplantes Übungsvorhaben mit ungewöhnlich spezialisierten Lufteinheiten
- Ein gezieltes Signal an Russland, dass die NATO abschreckungsbereit ist und im Ernstfall sofort gegen Kaliningrad vorgehen würde
- Eine Demonstration der sogenannten horizontalen Eskalation: Greift Russland einen NATO-Staat an, reagiert das Bündnis mit dem Ausschalten Kaliningrads
„Es war ein großes und klares Signal der Abschreckung”, so Masala. Offen bleibe jedoch die entscheidende Frage: Hat Moskau diese Botschaft tatsächlich verstanden?
Infrastrukturkrieg: Raketen gegen Drohnen
Parallel zum NATO-Manöver eskaliert der gegenseitige Angriff auf die Infrastruktur. Die Ukraine feuerte zuletzt rund 620 Drohnen auf die Hauptstadtregion Moskau ab — einer der bislang größten ukrainischen Drohnenangriffe überhaupt. Russland antwortete mit dem Abschuss von mehr als 70 ballistischen Raketen auf ukrainisches Gebiet.
Masala warnt davor, den russischen Raketenangriff als direkte Reaktion auf die Drohnenwelle zu interpretieren, da die Vorbereitungszeit für solche Operationen mehrere Tage beträgt. Vielmehr handele es sich um die konsequente Fortsetzung der russischen Strategie: Das Raketenarsenal gezielt einzusetzen, während der Ukraine zunehmend Interzeptoren fehlen — also Abwehrsysteme, die ballistische Raketen abfangen könnten.
Die Zielsetzungen beider Seiten unterscheiden sich dabei grundlegend. Russland versuche, der ukrainischen Zivilbevölkerung einen möglichst harten Winter zu bereiten und kritische Infrastruktur zu zerstören. Die Ukraine hingegen zielt mit ihren Angriffen darauf ab, den russischen Bürgern den Krieg spürbar zu machen und die Kosten für Moskau in die Höhe zu treiben.
Wintervorbereitung als dringende Aufgabe für die Ukraine
Angesichts fehlender Luftabwehrmittel und anhaltender russischer Angriffe auf die Energieinfrastruktur rückt die Wintervorbereitung der Ukraine in den Vordergrund. Masala betont, dass westliche Partner hier einen klaren Schwerpunkt setzen müssten — sowohl bei der Lieferung von Interzeptoren als auch bei der allgemeinen Unterstützung der Bevölkerung.
Fällt der Winter besonders kalt aus, drohe der ukrainischen Bevölkerung eine humanitäre Katastrophe. Die Beschaffung von Luftabwehrsystemen und der Schutz der Energieversorgung seien daher keine nachrangigen Fragen, sondern unmittelbar kriegsentscheidend.
Selenskyis innenpolitischer Druck und die Korruptionsfrage
Neben den militärischen Herausforderungen gerät Präsident Wolodymyr Selenskyj zunehmend innenpolitisch unter Druck. Der frühere Verteidigungsminister Fedorov wirft ihm Korruption vor und fordert Neuwahlen. Masala ordnet dies skeptisch ein: Fedorov habe die Sympathiewelle nach seiner Absetzung durch Selenskyj fehlgedeutet und seine eigenen Chancen auf das Präsidentenamt überschätzt.
Als Indiz dafür wertet Masala, dass der neue Verteidigungsminister Umerow auch von der Opposition bestätigt wurde — was Fedorovs Einfluss klar begrenzt. Generell sei Korruption ein endemisches Problem in der Ukraine, das aber auch als politisches Instrument eingesetzt werde, um Gegner zu schwächen.
Strukturell begünstige die Kriegssituation den Druck auf Selenskyj: Da die ukrainische Verfassung während des Krieges keine Präsidentschaftswahlen zulässt, fehlt ein demokratisches Ventil — und das schafft Raum für politische Angriffe von allen Seiten. Wie sich die Ermittlungen zu den Korruptionsvorwürfen entwickeln, bleibt abzuwarten.
Die kommenden Wochen dürften in mehrfacher Hinsicht richtungsweisend sein: Das NATO-Signal vor Kaliningrad, die eskalierenden Raketenangriffe und die ukrainische Innenpolitik werden gemeinsam darüber entscheiden, wie stabil die westliche Unterstützung bleibt — und ob Moskau die Botschaft der Abschreckung tatsächlich empfangen hat.
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