Nordstream-Anschlag: Offene Fragen und Widersprüche
Sicherheitsexperte Frank Umbach erklärt, welche Fragen beim Nordstream-Anschlag ungeklärt bleiben – und warum der Hersh-Bericht kaum noch eine Rolle spielt.
Dieses Video wurde am 14.10.2026 von ntv Nachrichten auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Der Nordstream-Anschlag auf die deutsch-russischen Gaspipelines in der Ostsee beschäftigt Ermittler und Experten bis heute. Sicherheitsexperte Dr. Frank Umbach von der Universität Bonn sieht weiterhin eine „ganze Reihe von Widersprüchen und Fragen”, die rund um den Sabotageakt noch immer offen sind. Im Mittelpunkt steht die Frage, ob die Ukraine tatsächlich für die Sprengung verantwortlich ist – und wenn ja, ob eine direkte Verbindung zur ukrainischen Staatsführung bestand.
Ukrainische Verantwortung: Noch nicht abschließend geklärt
Die Bundesstaatsanwaltschaft geht mittlerweile davon aus, dass ukrainische Akteure hinter dem Anschlag stecken. Doch Umbach mahnt zur Vorsicht: Mehrere europäische Geheimdienste, darunter ursprünglich auch der BND, kamen zunächst zu anderen Schlussfolgerungen. Widersprüche im Ablauf der Ereignisse seien bis heute nicht vollständig aufgelöst.
Entscheidend sei zudem, ob eine direkte Verbindung zur ukrainischen Regierung und Präsident Selenskyj nachgewiesen werden kann. Nach aktuellem Erkenntnisstand gibt es diese direkte Verbindung zu Selenskyj nicht. Anders sieht es beim früheren Oberbefehlshaber Walerij Saluschni aus, der heute als ukrainischer Botschafter in Großbritannien tätig ist und in seiner Amtszeit als Gegenpart zu Selenskyj galt.
Deutschlands moralische Mitverantwortung
Umbach erinnert an die Vorgeschichte des Projekts: Die Ukraine und zahlreiche andere EU-Staaten warnten über viele Jahre vor dem Bau der Nordstream-Pipeline. Ihr Argument: Falle der Gastransit durch die Ukraine weg, gewinne Russland freie Hand für militärische Aggression. Diese Warnung habe sich letztlich bewahrheitet.
Der Experte formuliert daraus eine klare moralische Schlussfolgerung:
- Deutschland bezog die größten fossilen Energieimporte aus Russland in ganz Europa.
- Damit leistete Deutschland nach Umbach mehr Beitrag zur russischen Aufrüstung als jeder andere EU-Staat.
- Die politische Entscheidung für Nordstream habe Russlands Handlungsspielraum gegenüber der Ukraine erheblich erweitert.
- Eine moralische Schuld Deutschlands sei daher nicht von der Hand zu weisen.
Diese historische Einordnung sei untrennbar mit der aktuellen Debatte über den Anschlag verbunden.
Der Hersh-Bericht: Weitgehend widerlegt
Als Seymour Hersh behauptete, US-amerikanische und norwegische Geheimdienste hätten gemeinsam die Pipeline gesprengt, sorgte das weltweit für Aufsehen. Heute spielt dieser Bericht laut Umbach in der Fachdiskussion kaum noch eine Rolle.
Zentrale Behauptungen des Berichts seien inzwischen falsifiziert worden – darunter Angaben zur Position der beteiligten Schiffe sowie die angebliche Zusammenarbeit zwischen dem CIA und dem norwegischen Geheimdienst. Open-Source-Intelligence-Analysen, Radarbeobachtungen und weitere unabhängige Untersuchungen hätten die Kernthesen des Berichts widerlegt.
Folgen für den Ukrainekrieg und die innenpolitische Debatte
Umbach warnt vor den politischen Konsequenzen, sollte sich die ukrainische Täterschaft endgültig bestätigen. Die Debatte spiele dann der Argumentation von AfD und BSW in die Hände, die den Konflikt bereits jetzt für innenpolitische Zwecke instrumentalisieren.
Besonders kritisch bewertet er sogenannte „Friedensappelle”, die einseitig russische Positionen stützen. Solche Initiativen bezeichnete Umbach als das, was russische Geheimdienste im Westen als „nützliche Idioten” betrachten – Akteure, die unkritisch russische Narrative verstärken und die Invasion damit im Grunde legitimieren.
Der Nordstream-Anschlag bleibt damit nicht nur ein juristisches, sondern auch ein hochpolitisches Thema. Solange grundlegende Fragen zur Befehlskette und zur staatlichen Verantwortung ungeklärt sind, werden die Ermittlungen den öffentlichen Diskurs – in Deutschland wie in Europa – weiter prägen.
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