Russland greift Kiew an – während Merz in der Stadt ist
Während Bundeskanzler Merz Kiew besucht, greift Russland eine Brücke in der ukrainischen Hauptstadt an. WELT-Korrespondent Wanner spricht von einem historischen Tiefpunkt.
Dieses Video wurde am 04.10.2026 von WELT Nachrichtensender auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Während Bundeskanzler Friedrich Merz zu einem Solidaritätsbesuch in der ukrainischen Hauptstadt weilte, griff Russland eine wichtige Brücke in Kiew an. Die sogenannte Nordbrücke, die den Ost- und Westteil der Stadt über den Fluss Dnipro verbindet, wurde attackiert – ein Vorgang, den Beobachter als beispiellos in der Geschichte der deutsch-russischen Beziehungen bezeichnen. WELT-Korrespondent Christoph Wanner berichtete live aus Kiew, als während des Interviews Luftalarm ertönte und kurz darauf Explosionen zu hören waren. „So etwas gab es noch nie”, sagte Wanner sichtlich erschüttert.
Angriff während des Kanzlerbesuchs – ein diplomatischer Affront
Bislang galt eine informelle Regel: Wenn hochrangige westliche Staats- oder Regierungschefs Kiew besuchten, hielten sich russische Angriffe zurück. Dieser ungeschriebene Kodex scheint nun gebrochen. Russland hatte über sein Außenministerium kurz zuvor Warnungen herausgegeben, ausländische Delegationen sollten Kiew meiden, Diplomaten die Stadt verlassen. Wenige Stunden später schlugen Raketen ein.
Korrespondent Wanner betonte, dass russische Geheimdienste über den Besuch des Kanzlers informiert gewesen sein dürften – auch wenn die Presse im Vorfeld zur Diskretion gebeten wurde. Das mache den Angriff umso provokanter. Merz befand sich nach aktuellem Kenntnisstand im westlichen Teil der Stadt, rund fünf Kilometer Luftlinie vom Ort des Einschlags entfernt.
Historischer Tiefpunkt der deutsch-russischen Beziehungen
Wanner zog einen drastischen historischen Vergleich: Noch im Jahr 2001 hatte Altkanzler Gerhard Schröder gemeinsam mit seiner Frau Weihnachten bei der Familie Putin verbracht – eine Zeit, in der es für Reporter kaum möglich war, ein ernsthaftes Problem in den bilateralen Beziehungen zu finden. Heute wird ein amtierender deutscher Bundeskanzler durch einen gezielten Angriff auf die Stadt, in der er sich aufhält, faktisch eingeschüchtert.
„Das ist der absolute Tiefstand des bilateralen deutsch-russischen Verhältnisses”, sagte Wanner. Er betonte ausdrücklich, nicht übertreiben zu wollen – die Ereignisse sprächen jedoch für sich.
Russisches Kalkül: Wirtschaft zerstören, Westen zermürben
Die Intensivierung der russischen Angriffe folgt nach Einschätzung des Korrespondenten einer klaren Strategie. Am 22. August hatte Präsident Wladimir Putin in einem Fernsehauftritt angekündigt, auf ukrainische Angriffe gegen russische Raffinerien und Logistikzentren mit Vergeltung zu antworten. Er sprach von der „Büchse der Pandora”, die die Ukraine geöffnet habe.
Seitdem sind die Angriffe nach Wanners Beobachtung noch einmal deutlich häufiger und wuchtiger geworden. Das Ziel dabei sei vielschichtig:
- Die ukrainische Wirtschaft systematisch zu zerstören
- Den finanziellen und politischen Preis der westlichen Unterstützung kontinuierlich zu erhöhen
- Westeuropa und Deutschland langfristig zu zermürben
- Die Ukraine durch Erschöpfung des Westens zu isolieren
„Das russische Kalkül ist: Die Unterstützung der Ukraine wird irgendwann so teuer, dass sie keiner mehr leisten kann und will”, fasste Wanner zusammen.
Luftalarm live – künftige Besuche müssen neu bewertet werden
Besonders eindringlich: Während des laufenden TV-Interviews ertönte in Kiew erneut Luftalarm. Wanner schwieg kurz, sodass die Zuschauer die Sirenen deutlich hören konnten. Wenig später waren im Hintergrund Explosionsgeräusche zu vernehmen. Der Korrespondent konnte den genauen Einschlagsort vom Stadtzentrum aus nicht lokalisieren, bestätigte jedoch Treffer in der Umgebung.
Die Ereignisse werfen grundlegende Fragen über die Sicherheit künftiger Besuche westlicher Politiker in der ukrainischen Hauptstadt auf. Was bislang als kalkulierbares Risiko galt, muss nun völlig neu bewertet werden. Das Gefahrenpotenzial solcher Solidaritätsreisen hat sich mit diesem Angriff auf eine neue, bisher unbekannte Stufe gehoben – kurz vor dem bevorstehenden Winter, in dem Russland seinen Druck auf die ukrainische Infrastruktur aller Voraussicht nach weiter verschärfen wird.
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