Trumps Kehrtwende: Weg von der Ukraine, hin zu Russland
Politologe Thomas Jäger analysiert, warum Trump die Ukraine in einen Diktatfrieden drängt, um Geschäfte mit Russland zu machen – und welche Rolle China dabei spielt.
Dieses Video wurde am 20.10.2026 von ntv Nachrichten auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Mit einer klaren Kehrtwende wendet sich US-Präsident Donald Trump von der Ukraine ab und Russland zu. Politikwissenschaftler Professor Dr. Thomas Jäger von der Universität zu Köln erklärt, warum Trump zunehmend auf einen schnellen – und für die Ukraine schmerzhaften – Friedensschluss drängt: Es geht um wirtschaftliche Interessen, den politischen Spielraum nach verlorenen Zwischenwahlen und eine strategische Neuausrichtung der amerikanischen Außenpolitik, die Europa weitgehend außen vor lässt.
Trumps Kehrtwende: Kalkül statt Überzeugung
Nach Einschätzung von Jäger vollzieht Trump seine Kehrtwende nicht aus außenpolitischer Überzeugung, sondern aus persönlichem und wirtschaftlichem Kalkül. Nachdem die Zwischenwahlen verloren sind, muss Trump keine Rücksicht mehr auf innenpolitische Stimmungen nehmen. Er nutzt diesen Spielraum, um die amerikanische Russlandpolitik grundlegend umzudrehen.
Zu Beginn seiner zweiten Amtszeit hatte Trump noch so getan, als sei eine wirtschaftliche Annäherung an Russland erst nach Kriegsende möglich. Dieses Bild bröckelte bereits, als er den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj aus dem Weißen Haus wies. Nun, so Jäger, dränge Trump offen darauf, die Ukraine in einen Diktatfrieden zu zwingen – mit dem Ziel, rasch Geschäfte mit Russland aufnehmen zu können.
Wladimir Putin habe dabei geduldig gewartet: Er hielt Köder hin und ließ Trump schließlich anbeißen. Das Ergebnis ist eine dramatische Verschiebung der amerikanischen Außenpolitik zugunsten Moskaus.
Dreiergipfel USA–Russland–China: Putins Projekt?
Die Idee eines Dreier-Gipfels zwischen den USA, Russland und China geht laut Jäger maßgeblich auf Putin zurück. Das Ziel dahinter sei eindeutig: Die Ukraine soll zwischen den Großmächten aufgeteilt werden – ein Teil fällt direkt an Russland, ein anderer wird zur Pufferzone, und womöglich bleibt Kiew als Rumpfstaat übrig.
Trump hat dem Treffen bereits grundsätzlich zugestimmt, verknüpft es aber mit dem Thema nukleare Abrüstung – eine Framing-Strategie, die laut Jäger als weitere „Karotte” diene, um die Ukraine als „Nebenproblem” beiläufig mitzulösen.
- Russland erhält direkte territoriale Gewinne
- Ein Pufferstreifen soll weitere Konflikte verhindern
- Der Ukraine wird internationale Unterstützung entzogen
- Die nukleare Abrüstung dient als diplomatischer Deckmantel
Entscheidend ist die Reaktion Chinas: Anders als Trump und Putin nimmt Xi Jinping Rücksicht auf Europa, da China dort erhebliche wirtschaftliche Interessen hat. Ob China eine offen antieuropäische Position mitträgt, ist laut Jäger eine der zentralen offenen Fragen.
Europas Rolle: Nicht am Tisch, aber nicht irrelevant
Europa sitzt bei den entscheidenden Gesprächen nicht mit am Tisch. Weder Moskau noch Washington lassen sich von europäischen Positionen leiten – beide Seiten signalisieren offen, dass ihnen die Haltung der Europäer gleichgültig sei.
Dennoch spielt Europa eine indirekte Rolle, vor allem durch den Faktor China. Da Peking wirtschaftlich auf Europa angewiesen ist, kann die EU ihre Positionen als stilles Gegengewicht einbringen. Treffen wie das Gespräch in Oslo, an dem unter anderem Finnland und Norwegen beteiligt sind, verdeutlichen, dass europäische Stimmen zumindest wahrgenommen werden.
Jäger zieht einen Vergleich zum Nahen Osten: Ähnlich wie dort nutze China die durch die USA erzeugten Turbulenzen, um den eigenen Einfluss auszubauen. Die Risse, die Trump ins transatlantische Verhältnis reißt, öffnen China Türen – ein Effekt, den die amerikanische Regierung offenbar billigend in Kauf nimmt.
Ausblick: Eine neue Weltordnung auf Kosten der Ukraine?
Die Entwicklungen deuten auf eine tiefgreifende Neuordnung der globalen Machtarchitektur hin. Trump treibt einen Kurs voran, der wirtschaftliche Eigeninteressen über Bündnistreue stellt, während Putin die Früchte seiner strategischen Geduld erntet. Für die Ukraine bedeutet das wachsenden Druck, einem Frieden zuzustimmen, der ihre Souveränität dauerhaft beschneidet.
Ob Europa durch China-Rücksichten doch noch eine gestaltende Rolle einnehmen kann, bleibt abzuwarten. Klar ist: Die transatlantische Gemeinschaft steht vor ihrer schwersten Belastungsprobe seit Jahrzehnten.
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