Hacker-Angriff auf Kühlanlagen: Supermärkte betroffen
Europäische Supermärkte unter Beschuss: Hacker-Angriffe auf vernetzte Kühlanlagen legen Filialen in sieben Ländern lahm und vernichten Tonnen von Lebensmitteln.
Dieses Video wurde am 03.11.2026 von WELT Nachrichtensender auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Ein gezielter Hacker-Angriff auf Kühlanlagen hat innerhalb weniger Wochen Supermärkte in sieben europäischen Ländern getroffen. Unbekannte Täter verschaffen sich dabei Fernzugriff auf vernetzte Kühl- und Gefrieranlagen und schalten diese in den Abtaumodus. Die Folge: Temperaturen steigen innerhalb kurzer Zeit auf bis zu 50 Grad Celsius, gekühlte und gefrorene Lebensmittel werden unverkäuflich, und Kunden stehen vor leeren Kühlregalen. Die belgische Staatsanwaltschaft hat Ermittlungen aufgenommen, die Täter sind bislang unbekannt.
Angriffswelle trifft sieben europäische Länder
Nach einem ersten Großangriff auf rund 150 französische Supermärkte Mitte Oktober setzt sich die Angriffswelle nun in weiteren Ländern fort. Betroffen sind Filialen in Belgien, Schweden, Irland, Luxemburg, Estland, Finnland und den Niederlanden.
Die Dimensionen sind erheblich:
- In Belgien melden drei große Handelsketten rund 60 betroffene Filialen.
- In den Niederlanden sind mindestens 17 Geschäfte betroffen.
- In Irland sind es 13 Filialen, die keine gekühlten Waren mehr anbieten können.
Das Muster der Angriffe ist stets dasselbe: Die Täter nutzen den Fernwartungszugang der vernetzten Steuerungssysteme, verändern die Temperatureinstellungen und zwingen die Kühlanlagen so in den Abtaumodus. Was eigentlich der Wartungsvereinfachung dienen sollte, wird zur Angriffsfläche.
Wie die Sabotage der Kühlsysteme funktioniert
Moderne Kühlanlagen in Supermärkten sind häufig über das Internet mit zentralen Steuerungssystemen verbunden. Das ermöglicht Technikern, Temperaturen remote zu überwachen und Wartungsarbeiten aus der Ferne durchzuführen. Genau dieser Fernzugriff wird von den Angreifern ausgenutzt.
Durch das Umschalten in den Abtaumodus verwandeln sich tiefgekühlte Bereiche in kurzer Zeit in Wärmequellen. In einem schwedischen Supermarkt beispielsweise stieg die Temperatur eines Kühlschranks, der auf minus zwei Grad eingestellt war, auf bis zu 50 Grad Celsius an. Mitarbeiter vor Ort zeigten sich fassungslos: „Offenbar hat sich da eine Gruppe in die Temperatursteuerung unserer Kühl- und Gefrieranlagen gehackt. Für mich grenzt das schon an Terrorismus.”
Bis die Anlagen von Technikern überprüft und wieder in Betrieb genommen werden können, müssen alle gekühlten und gefrorenen Waren aus dem Verkauf genommen werden.
Jahrzehnte der Digitalisierung ohne Sicherheitsdenken
Cybersicherheitsexperten sehen in den Angriffen eine direkte Folge einer jahrzehntelangen Vernachlässigung von IT-Sicherheit in der Gebäudetechnik. Kühlanlagen, Pumpen, Lüftungssysteme und andere Infrastrukturkomponenten wurden über Jahrzehnte hinweg vernetzt, ohne dabei ausreichende Sicherheitsstandards zu implementieren.
„Jetzt werden die Altlasten der Digitalisierung sichtbar, und der Kühlschrank ist nur die Spitze des Eisbergs”, warnen Experten. Viele dieser veralteten Steuerungssysteme laufen bis heute im produktiven Betrieb und sind kaum gegen unbefugten Zugriff gesichert. Das Prinzip sei überall in der Industrie anzutreffen, überall dort, wo Geräte gesteuert, gemessen oder ferngewartet werden.
Das strukturelle Problem: Solche Systeme wurden oft über Jahrzehnte hinweg nicht aktualisiert und verfügen weder über moderne Authentifizierungsverfahren noch über Verschlüsselung der Kommunikation.
Ermittlungen laufen – Täter weiter unbekannt
Wer hinter den koordinierten Angriffen steckt, ist bislang völlig unklar. Die belgische Staatsanwaltschaft hat Ermittlungen eingeleitet. Ob es sich um Kriminelle, Aktivisten oder staatlich gelenkte Akteure handelt, lässt sich derzeit nicht sagen.
Für die betroffenen Handelsketten und ihre Kunden sind die Konsequenzen unmittelbar spürbar: leere Kühlregale, ein deutlich eingeschränktes Warenangebot und erhebliche wirtschaftliche Schäden durch vernichtete Lebensmittel. Die Angriffe dürften den Druck auf Politik und Wirtschaft erhöhen, die Cybersicherheit kritischer Infrastruktur — dazu zählt auch die Lebensmittelversorgung — endlich ernsthaft anzugehen und veraltete Steuerungssysteme zu modernisieren.
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