Dieses Video wurde am 17.08.2026 von Handelsblatt auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Kein Alzheimer, kein Diabetes, ein höherer IQ – eine Handvoll US-amerikanischer Start-ups wirbt damit, Eltern genau das für ihre Kinder ermöglichen zu können. Das Verfahren dahinter heißt polygenes Embryoscreening und gehört zum Bereich der Reproduktionsmedizin. Es ist kein Science-Fiction-Szenario mehr, sondern ein real wachsender Markt – mit prominenten Investoren, massiver wissenschaftlicher Kritik und einer beunruhigenden ideologischen Dimension.
Wie polygenes Embryoscreening funktioniert
In der Reproduktionsmedizin unterscheidet man grundsätzlich zwischen zwei Ansätzen: dem Editieren von Erbgut – etwa durch das CRISPR-Verfahren, bei dem das Erbmaterial eines Embryos aktiv verändert wird – und der sogenannten Selektierung. Beim polygenen Embryoscreening werden Embryonen, die durch künstliche Befruchtung im Reagenzglas erzeugt wurden, auf bestimmte genetische Veranlagungen und Erkrankungsrisiken untersucht.
Die Unternehmen analysieren das Erbgut jedes Embryos und berechnen einen Score für verschiedene Eigenschaften und Krankheitsrisiken. Eltern erhalten eine Übersicht aller verfügbaren Embryonen und entscheiden sich dann für einen. Dabei handelt es sich stets um einen Kompromiss: Die Eigenschaften lassen sich nicht frei zusammenstellen, sondern nur aus dem vorhandenen Angebot auswählen.
Das Verfahren kann bis zu 25.000 US-Dollar pro Embryo kosten, je nach Anbieter variieren die Preise erheblich.
Die wichtigsten Anbieter und ihre Investoren
Aktuell dominieren fünf US-amerikanische Unternehmen den Markt. Drei ältere Anbieter konzentrieren sich vorwiegend auf den Ausschluss klassischer Erbkrankheiten. Die neueren Anbieter Heritagen (Herisite) und Nucleus Genomics gehen deutlich weiter und bewerten Embryonen auch nach Merkmalen wie Intelligenz, Body-Mass-Index, ADHS-Risiko oder Schizophrenie-Anfälligkeit.
Hinter den Unternehmen stehen namhafte Geldgeber aus dem Silicon Valley:
- Sam Altman, CEO von OpenAI, investiert in den Anbieter Genomic Prediction
- Anne Wojcicki, Gründerin des Gentestanbieters 23andMe, engagiert sich in dem Bereich
- Peter Thiel fördert über sein Stipendienprogramm junge Gründer – darunter die Gründerin des Anbieters Orchid
Keines der Unternehmen ist börsennotiert. Alle geben an, bislang nicht profitabel zu sein. Nucleus Genomics hat nach eigenen Angaben rund 200 Kunden. Die Finanzierungsrunden liegen im mehrstelligen Millionenbereich. Das Geschäftsmodell basiert darauf, dass mehr Kinder mit dem Verfahren geboren werden – eine pronatalistische Ausrichtung, die viele Anbieter explizit vertreten.
Wissenschaftliche und ethische Kritik am Verfahren
Die Kritik aus der Wissenschaft ist erheblich und zielt in zwei Richtungen. Erstens zweifeln viele Forscher an der technischen Verlässlichkeit: Die verwendeten Datensätze basieren überwiegend auf Personen europäischer Abstammung, was die Aussagekraft der Scores für Menschen anderer Herkunft deutlich einschränkt.
Schwerwiegender ist der zweite Kritikpunkt: die ideologische Nähe zur Eugenik. Der Begriff bezeichnet die Idee, die menschliche Gesellschaft durch gezielte genetische Selektion zu „verbessern” – eine Ideologie, die historisch eng mit Rassismus, Diskriminierung und den Verbrechen des Nationalsozialismus verbunden ist. Die Anbieter weisen diese Verbindung zurück. Der Mitgründer von Herisite, Jonathan Norly, hat sogar ein Buch mit dem Titel Defending Eugenics veröffentlicht.
Besonders eindrücklich illustriert ein Fallbeispiel, wohin das Denken führen kann: Ein US-amerikanisches Paar, das die Organisation Pronatalist.org gegründet hat, spricht offen von der Vision einer „biologischen Elite”, die die heutige Gesellschaft ersetzen soll. In ihrem Zuhause hängt ein Schild mit der Aufschrift: „We will replace you.”
Rechtslage in Deutschland und Ausblick
In Deutschland ist polygenes Embryoscreening in der beschriebenen Form nicht legal. Das Embryonenschutzgesetz erlaubt genetische Untersuchungen an Embryonen nur in eng definierten medizinischen Ausnahmefällen. Eine baldige Änderung dieser Rechtslage gilt als unwahrscheinlich.
Der breitere Markt für künstliche Befruchtung, die Voraussetzung für das Screening ist, wächst jedoch stark: Der weltweite Umsatz betrug im vergangenen Jahr 28 Milliarden US-Dollar und soll bis 2032 auf rund 40,6 Milliarden Dollar steigen. Ob die Start-ups an diesem Wachstum partizipieren und jemals profitabel werden, bleibt offen. Die gesellschaftliche Debatte über die Grenzen reproduktiver Technologien dürfte hingegen in den kommenden Jahren deutlich an Intensität gewinnen.
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