Dieses Video wurde am 21.08.2026 von Handelsblatt auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Der ukrainische Drohnenangriff auf den russischen Onlinehändler Wildberries sorgt für internationale Aufmerksamkeit und wirft eine grundlegende Frage auf: Darf ein zivil erscheinendes Logistiknetzwerk zum militärischen Ziel werden? Seit einigen Wochen stehen Lager- und Logistikzentren des als „russisches Amazon” bekannten Unternehmens im Fokus ukrainischer Militäroperationen. Lieferungen bleiben aus, Kunden stehen vor leeren Händen – und die Debatte über die Grenzen legitimer Kriegsführung gewinnt an Schärfe.
Wildberries als militärisches Ziel – die Begründung der Ukraine
Das ukrainische Militär und Sicherheitsexperten begründen die Angriffe damit, dass das Logistiknetzwerk von Wildberries nicht ausschließlich für den zivilen Warenverkehr genutzt wird. Nach Einschätzung von Sicherheitsexperte Nico Lange werden über das Verteilernetz des Händlers auch Waffenteile und Rüstungskomponenten transportiert. Damit verliere das Unternehmen seinen rein zivilen Charakter und werde – nach den Regeln des humanitären Völkerrechts – zu einem legitimen militärischen Ziel.
Diese Argumentation ist im Kriegsrecht nicht neu: Sobald zivile Infrastruktur nachweislich für militärische Zwecke genutzt wird, kann sie ihren Schutzstatus verlieren. Entscheidend ist dabei der konkrete militärische Nutzen im Vergleich zum zivilen Schaden.
Unterschied zu russischen Angriffen auf ukrainische Zivilbevölkerung
Kritiker, die der Ukraine vorwerfen, nun ebenfalls zivile Ziele anzugreifen, erhalten von Befürwortern der ukrainischen Strategie eine klare Antwort: Es bestehe ein fundamentaler Unterschied zur russischen Kriegsführung. Russland setze ballistische Raketen gezielt gegen Wohngebäude ein und töte schlafende Zivilisten. Die Ukraine hingegen richte ihre Angriffe auf:
- Ölraffinerien und Treibstoffdepots
- Öl-Verladeterminals
- Logistikinfrastruktur mit militärischer Doppelnutzung wie das Wildberries-Netzwerk
Das Ziel der ukrainischen Strategie ist es demnach, die Versorgungskette der russischen Kriegswirtschaft zu schwächen – nicht, Zivilisten zu schädigen.
Wirtschaftliche Auswirkungen in Russland
Für die russische Bevölkerung sind die Folgen der Angriffe spürbar. Wildberries ist einer der größten Onlinehändler Russlands und für Millionen Kunden ein alltäglicher Versorgungsweg – vergleichbar mit der Rolle, die Amazon in Deutschland spielt. Wenn Logistikzentren brennen oder außer Betrieb gesetzt werden, bleiben Pakete aus, Lieferketten brechen zusammen und Engpässe entstehen.
Das ist politisch kalkuliert: Die Ukraine versucht offenbar, den Krieg in den russischen Alltag zu tragen und den innenpolitischen Druck auf den Kreml zu erhöhen. Experten sprechen von einer Strategie der wirtschaftlichen Zermürbung, die darauf abzielt, die Kriegsmüdigkeit in der russischen Gesellschaft zu steigern.
Einordnung: Wo Russland den Krieg jetzt spürt
Die Angriffe auf Wildberries sind Teil eines größeren Musters. Die Ukraine hat in den vergangenen Monaten verstärkt auf Drohnenangriffe tief im russischen Hinterland gesetzt – auf Energieinfrastruktur, Treibstoffversorgung und nun auch auf Handelslogistik. Jedes dieser Ziele soll die russische Kriegswirtschaft direkt oder indirekt schwächen.
Die völkerrechtliche Bewertung bleibt komplex. Ob das Logistiknetzwerk von Wildberries tatsächlich in dem Maß militärisch genutzt wird, das einen Angriff rechtfertigt, lässt sich von außen schwer verifizieren. Klar ist jedoch: Der Krieg in der Ukraine verändert zunehmend auch den russischen Alltag – und die Debatte darüber, was im modernen Krieg ein legitimes Ziel ist, ist längst nicht abgeschlossen.
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