Landtagswahl MV: Was das Ergebnis kippen könnte
Zur Landtagswahl Mecklenburg-Vorpommern erklärt Politologe Volker Kronenberg, warum Schwesig die AfD überholt hat und was das für die Bundesebene bedeutet.
Dieses Video wurde am 19.09.2026 von WELT Nachrichtensender auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Kurz vor der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern und der gleichzeitigen Wahl in Berlin zeichnet sich ein historisch knappes Rennen ab. Die SPD unter Ministerpräsidentin Manuela Schwesig hat die AfD in den Umfragen erstmals überholt und liegt nun mit 37 zu 36 Prozent knapp vorne. Gleichzeitig kämpft die CDU im Nordosten ums politische Überleben – sie kratzt mit nur einem Prozentpunkt Abstand an der 5-Prozent-Hürde. Politikwissenschaftler Professor Volker Kronenberg ordnet ein, was diese Wahl für das Land und die Berliner Bundespolitik bedeutet.
Kopf-an-Kopf-Rennen: SPD überholt die AfD
Das Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt, wo die AfD mit großem Abstand gewonnen hatte, schien noch wochenlang als Blaupause für Mecklenburg-Vorpommern zu gelten. Doch Manuela Schwesig hat den Wahlkampf in der Schlussphase entscheidend gedreht. Laut Kronenberg gelingt ihr das vor allem durch eine konsequente Personalisierungsstrategie: „Frau gegen Blau” lautet die Zuspitzung, mit der sie Wählerinnen und Wähler mobilisiert.
Auf der anderen Seite versucht der AfD-Spitzenkandidat mit Parteiprominenz aus dem Bundesgebiet, in den letzten Stunden Boden gutzumachen. Auch das BSW zittert: Die Partei liegt in beiden Ländern nur einen Prozentpunkt unter der entscheidenden 5-Prozent-Marke. Über 20 Prozent der Wählerinnen und Wähler gelten in beiden Bundesländern noch als unentschlossen – ein Faktor, der alles offenhält.
Schwesig als neue starke Frau der SPD?
Ein Wahlsieg der SPD in Mecklenburg-Vorpommern würde Manuela Schwesig bundesweit deutlich stärken. Kronenberg sieht sie bereits jetzt als prägende Führungsfigur ihrer Partei. Ob das unmittelbare Konsequenzen für Parteichef Lars Klingbeil oder Bundeskanzler Olaf Scholz hätte, bewertet der Politologe jedoch nüchtern:
- Kurzfristige Erschütterungen an der Bundesspitze erwartet Kronenberg nicht.
- Die Bundesregierung habe zuletzt gezielt stabilisiert, um Turbulenzen zu vermeiden.
- Ein Kanzlertausch sei „viel zu riskant”, die Folgen „nicht kalkulierbar”.
- Schwesig selbst war am Koalitionsvertrag beteiligt und werde den Reformkurs mittragen.
Zwar hat sich Schwesig früh gegen die geplante Rentenreform positioniert, doch Kronenberg erwartet keine grundsätzliche Opposition gegen den bundespolitischen Kurs ihrer Partei.
Berlin: Linke vor CDU – Machtwechsel im Roten Rathaus?
Parallel zur Wahl in Mecklenburg-Vorpommern entscheiden die Berlinerinnen und Berliner, ob Elif Erhalp als Spitzenkandidatin der Linken die erste regierende Bürgermeisterin der Partei wird. Die Linke führt in Umfragen mit zwei Prozentpunkten vor der CDU. Inhaltlich dreht sich der Berliner Wahlkampf vor allem um bezahlbares Wohnen: Die Linke fordert die Vergesellschaftung großer Immobilienkonzerne, was CDU-Spitzenkandidat Stefan Evers als „Massenenteignung” ohne Nutzen ablehnt.
Kronenberg verweist auf die strukturellen Vorteile linker Parteien in Großstädten: hoher Akademikeranteil, starkes Kulturmilieu und eine junge, urbane Wählerschaft begünstigten Linke und Grüne. Eine rot-rot-grüne Koalition wäre rechnerisch möglich, würde aber einen klaren Linksschwenk gegenüber dem bisherigen CDU-geführten Senat bedeuten.
Spritpreissenkung vor der Wahl: Kalkül ohne Wirkung?
Die Bundesregierung hatte kurz vor dem Wahlsonntag eine Spritpreisentlastung beschlossen, die bereits ab 1. Oktober greifen soll. Kronenberg zweifelt daran, dass dieser Schritt noch Wahlentscheidungen beeinflusst. Der Unmut über hohe Kraftstoffpreise sei zwar real, doch die Wählerinnen und Wähler orientierten sich an anderen, teils tiefer liegenden Motiven – in Berlin an der Wohnungsfrage, in Mecklenburg-Vorpommern an strukturellen Problemen und Persönlichkeitsfragen.
AfD-Sympathisanten ließen sich durch kurzfristige Regierungsentscheide kaum umstimmen, so Kronenberg, der dem Beschluss allenfalls eine symbolische Funktion zuspricht. Entscheidend bleiben am Wahltag die Köpfe – und die Mobilisierung der vielen Noch-Unentschlossenen.
Die Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin gelten als erster großer Stimmungstest nach der Bundestagswahl. Wie die Kräfteverhältnisse in den Ländern letztlich aussehen und welche Signale daraus für die Bundesregierung abgeleitet werden, wird sich in den kommenden Wochen zeigen – spätestens bei der Regierungsbildung in beiden Hauptstädten.
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