Ukraine-Krieg: Kessel bei Viliki Burluk?
Russische Militärblogger behaupten einen Kessel bei Viliki Burluk – doch die Ukraine widerspricht. Was über die aktuelle Frontlage wirklich bekannt ist.
Dieses Video wurde am 24.09.2026 von WELT Nachrichtensender auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Im Ukraine-Krieg liefern sich russische und ukrainische Seiten dieser Tage einen heftigen Informationskonflikt um die Lage im Gebiet nördlich von Charkiw. Russische Militärblogger behaupten, ukrainische Truppen seien nahe der Ortschaft Viliki Burluk eingekesselt. Die Ukraine weist das entschieden zurück. Vor Ort ist die Lage für Journalisten kaum überprüfbar – zu groß ist die Bedrohung durch allgegenwärtige Drohnen.
Kessel oder Propaganda? Widersprüchliche Karten an der Front
Das russische Militärblogger-Portal Rybar veröffentlichte eine Karte, auf der ein sogenannter Kessel nahe Viliki Burluk eingezeichnet ist: Ein blau markiertes Gebiet – ukrainische Positionen – soll demnach von russischen Kräften (rotbraun) ringförmig umschlossen sein. Russischen Angaben zufolge sollen dort ukrainische Einheiten auf einem Gebiet von bis zu 400 Quadratkilometern eingeschlossen sein.
Die ukrainische Gegendarstellung zeigt ein völlig anderes Bild: Grüne Flächen markieren Gebiete unter ukrainischer Kontrolle, die teils zurückerobert wurden. Von einer Einkesselung findet sich keine Spur. Aussage steht gegen Aussage – unabhängige Überprüfung ist derzeit nicht möglich.
Russland hat in der jüngeren Vergangenheit wiederholt übertriebene Erfolgsmeldungen verbreitet. So verkündete Wladimir Putin am 1. September die Einnahme von Swjatogorsk in der Provinz Donezk – eine Behauptung, die sich vor Ort nicht bestätigen ließ.
Shahid-Drohnen zerstören zivile Infrastruktur in Chugujew
Rund 40 Kilometer südöstlich von Charkiw, in Chugujew, zeigt sich das ganze Ausmaß des Zerstörungsmusters russischer Angriffe. Eine Schule, die nach einem früheren Angriff bereits wieder aufgebaut worden war, wurde erneut von Shahed-Drohnen getroffen. Vier Drohnen sollen eingeschlagen haben.
Das Muster wiederholt sich an mehreren Orten: Sobald ukrainische Aufbauarbeiten abgeschlossen sind, werden diese Informationen offenbar durch russische Geheimdienste erfasst und die Ziele erneut angegriffen – gezielt und systematisch. Ähnliches wurde aus Lyman im Norden der Provinz Donezk berichtet.
FPV-Drohnen: Unsichtbare Gefahr im Hinterland
Eine der größten taktischen Herausforderungen für alle Beteiligten sind derzeit kleine FPV-Drohnen (First-Person-View), sogenannte Kamikaze-Drohnen. Ihre Piloten steuern die Fluggeräte aus dem rückwärtigen Raum mithilfe von VR-Brillen und können sie präzise auf jedes gewünschte Ziel lenken.
Die Bedrohung durch diese Drohnen macht weite Teile des Gebiets nördlich von Charkiw für Journalisten und Versorgungsfahrzeuge praktisch unpassierbar. Auch innerhalb der russischen Streitkräfte schafft die unübersichtliche Frontlage massive Probleme:
- Geschönte Lageberichte werden an Generäle und den Kreml weitergegeben
- Die tatsächliche Position eigener Einheiten ist oft unklar
- Die Luftwaffe kann nicht sicher unterscheiden, ob sie eigene Truppen angreift
- Informationssilos zwischen verschiedenen Truppenteilen erschweren die Koordination
Diese strukturelle Informationsverzerrung innerhalb der russischen Armee gilt als einer der Hauptgründe dafür, dass Moskaus Erfolgsmeldungen so häufig von der Realität abweichen.
Lavrov trifft Rubio: Verhandlungen ohne Waffenstillstand
Parallel zur militärischen Lage laufen auf politischer Ebene diplomatische Gespräche. Am Rande der UN-Generalversammlung in New York traf der russische Außenminister Sergej Lawrow seinen amerikanischen Amtskollegen Marco Rubio. Thema war unter anderem eine mögliche Teilwaffenruhe bezüglich Luftangriffen auf den ukrainischen Energiesektor.
Russland signalisierte grundsätzliche Verhandlungsbereitschaft, lehnte jedoch einen Waffenstillstand während laufender Gespräche kategorisch ab. Die Begründung: Der Westen würde eine Feuerpause nutzen, um die Ukraine militärisch aufzurüsten und ihr Zeit zur Erholung zu verschaffen.
Russlands Vorbedingungen für Frieden sind unverändert:
- Militärische Neutralität der Ukraine
- Kein NATO-Beitritt
- Kein Stationieren westlicher Soldaten in der Ukraine
- Rückzug ukrainischer Kräfte aus Donezk und Luhansk
Die Ukraine lehnt einen freiwilligen Territorialverzicht weiterhin kategorisch ab. Auch eine Einladung Putins zum G20-Gipfel im Dezember in Miami dürfte ins Leere laufen – Beobachter gehen davon aus, dass der russische Präsident das Treffen mit westlichen Staatschefs meiden wird.
Die Frontlage im Nordosten der Ukraine bleibt damit militärisch wie diplomatisch äußerst unübersichtlich. Weder eine rasche Entscheidung im Gefechtsverlauf noch ein baldiger politischer Durchbruch zeichnen sich ab. Die widersprüchlichen Informationen beider Seiten erschweren eine unabhängige Einschätzung der realen Verhältnisse erheblich.
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