Deglobalisierung: Muss der Staat Kapazitäten vorhalten?
Die Globalisierung stagniert und fragmentiert sich – was bedeutet das für Deutschland? Warum staatliche Kapazitätsvorhaltung zur neuen wirtschaftspolitischen Notwendigkeit wird.
Dieses Video wurde am 02.10.2026 von Handelsblatt auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Die Ära der freien Märkte und offenen Lieferketten neigt sich ihrem Ende zu. Deglobalisierung – oder genauer: eine tiefgreifende Reglobalisierung mit neuen Spielregeln – stellt Deutschland als exportabhängige Volkswirtschaft vor strukturelle Herausforderungen. Ökonomen fordern ein Umdenken: Statt auf reibungslose globale Versorgung zu vertrauen, müssen Unternehmen und Staaten künftig gezielt Kapazitäten vorhalten – für kritische Güter, Rohstoffe und Infrastruktur. Was das konkret bedeutet und welche Lehren sich daraus ziehen lassen, zeigt ein Blick auf aktuelle Entwicklungen.
Welthandelselastizität als Frühindikator der Deglobalisierung
Jahrzehntelang expandierte der Welthandel deutlich schneller als die Weltproduktion. Die sogenannte Welthandelselastizität lag bis etwa 2010 weit über eins – ein klares Zeichen für die Dynamik der Globalisierung, getrieben vor allem durch den grenzüberschreitenden Handel mit Vorprodukten und die Ausweitung globaler Lieferketten.
Seit der Finanzkrise hat sich dieses Verhältnis grundlegend verändert: Die Elastizität liegt heute bei annähernd eins. Der Welthandel wächst kaum noch schneller als die globale Produktion. Das bedeutet nicht den vollständigen Zusammenbruch der Globalisierung, wohl aber ihre Stagnation und Fragmentierung.
Treiber dieser Entwicklung sind vor allem geopolitische Verschiebungen: Die USA verabschieden sich vom Freihandelsprinzip und setzen auf Abschottung, China verfolgt strategische Autonomie und reduziert externe Abhängigkeiten. Beide Megaökonomien, einst gemeinsam mit Deutschland die größten Globalisierungsgewinner, drehen die Richtung um.
Versorgungssicherheit als neue wirtschaftspolitische Priorität
Ein konkretes Beispiel illustriert die neue Logik: Der französische Pharmariese Sanofi investiert rund 1,3 Milliarden Euro in ein neues Insulinwerk in Frankfurt. Die öffentliche Hand – EU, Bund, Land Hessen und Stadt Frankfurt – steuert rund 400 Millionen Euro als Subvention bei. Der Grund: Das Werk ist die einzige Produktionsstätte für Humaninsulin im Europäischen Wirtschaftsraum.
Ohne diese Förderung wäre Europa bei einem lebenswichtigen Medikament vollständig von Importen aus Drittländern abhängig. Die EU-Kommission billigte die staatliche Beihilfe ausdrücklich – ein Signal, dass strategische Versorgungssicherheit nun Vorrang vor reiner Marktlogik genießt.
Das Beispiel steht exemplarisch für eine breitere Debatte: Welche Güter und Kapazitäten sind so kritisch, dass ihre Verfügbarkeit nicht dem freien Markt überlassen werden darf?
Kapazitätsmärkte: Modell aus Energie und Gesundheit überträgt sich
Das Konzept der staatlichen Kapazitätsvorhaltung ist nicht neu – es wird bereits in zwei Bereichen praktiziert:
- Krankenhausversorgung: Mit der Einführung von Vorhaltepauschalen werden Kliniken dafür entlohnt, bestimmte Kapazitäten bereitzuhalten – unabhängig von der tatsächlichen Auslastung.
- Energiewende: Wasserstofffähige Gaskraftwerke sollen als Backup für Dunkelflauten vorgehalten werden, auch wenn sie im Normalbetrieb kaum gebraucht werden.
- Pharmaindustrie: Das Insulinwerk-Projekt zeigt, dass dieses Prinzip nun auch auf industrielle Produktion ausgeweitet wird.
- IT-Infrastruktur: Große Unternehmen verlagern kritische Daten von amerikanischen Cloud-Diensten auf europäische Anbieter und reaktivieren eigene Rechenzentren – eine Art digitale Lagerhaltung.
In allen Fällen steht die gleiche Logik dahinter: Die betriebswirtschaftliche Effizienz von Lean Production und Just-in-Time-Lieferung wird durch das volkswirtschaftliche Prinzip der Resilienz ergänzt oder gar ersetzt.
Kritische Rohstoffe und die Rolle Europas
Die Debatte über Kapazitätsvorhaltung betrifft auch Rohstoffe. Ammoniak – Grundstoff für Stickstoffdünger – ist ein Beispiel: Früher selbstverständlich auf dem Weltmarkt verfügbar, gilt es heute als kritisches Gut, weil wesentliche Lieferanten aus geopolitisch unsicheren Regionen stammen.
Auf europäischer Ebene adressiert der EU Critical Raw Materials Act vom Mai 2024 dieses Problem. Er definiert strategisch wichtige Rohstoffe, skizziert Handlungsoptionen und stärkt die Kreislaufwirtschaft – auch um die Abhängigkeit von externen Lieferanten zu verringern.
Langfristig stellt sich die Frage, ob die Europäische Union als dritte Säule neben den USA und China eine tragfähige wirtschaftliche Eigenständigkeit aufbauen kann. Dafür braucht es nicht nur gemeinsame Rohstoffpolitik, sondern auch handlungsfähige Finanzmärkte, eine gestärkte Forschungskooperation und den politischen Willen zur Integration. Die Jahre 2000 bis 2020 galten als Blütezeit der letzten Globalisierungswelle – seitdem vollzieht sich eine schrittweise Rückabwicklung, deren Konsequenzen die Wirtschaftspolitik noch nicht vollständig durchdrungen hat.
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