US-Wahlkampf: Männlichkeit als politische Waffe
Im US-Wahlkampf inszenieren sich Politiker beider Lager mit Muskeln und Testosteron-Rhetorik. Was steckt hinter dem Kult der Männlichkeit in der amerikanischen Politik?
Dieses Video wurde am 20.10.2026 von WELT Nachrichtensender auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Im amerikanischen Wahlkampf auf der Zielgeraden geht es nicht nur um Steuerpolitik oder außenpolitische Konzepte – sondern zunehmend um Testosteron. Sowohl Republikaner als auch Demokraten setzen auf stilisierte Männlichkeit als politisches Instrument, um Wählerinnen und Wähler zu mobilisieren. Muskeln werden gezeigt, Rivalen als schwach und unterversorgt mit Hormonen diffamiert. Was wie eine Karikatur klingt, ist bitterer Ernst im US-Wahlkampf 2024.
Alpha-Männchen im Wahlkampf: Muskeln statt Argumente
Ob Pete Buttigieg als Verteidigungsminister oder Präsidentschaftskandidat Robert F. Kennedy Jr. – in der amerikanischen Politik wird derzeit gerne Muskeln gezeigt. Das Ziel ist klar: Stärke und Überlegenheit demonstrieren. Kritiker beschreiben dieses Verhalten als das Gehabe von Alpha-Männchen, ein Rückgriff auf archaische Dominanzgesten, die an den sprichwörtlichen Silberrücken aus der Steinzeit erinnern.
Dieses Phänomen beschränkt sich längst nicht auf eine Partei. Sowohl im republikanischen als auch im demokratischen Lager versuchen Kandidaten, sich als Inbegriff maskuliner Stärke zu positionieren – und den politischen Gegner als Gegenteil darzustellen.
Trumps Rhetorik: Körper, Hände und Testosteron
Donald Trump ist ein Meister dieser Strategie. Über einen republikanischen Senatskandidaten in Ohio schwärmte er öffentlich von dessen körperlichen Vorzügen – und fragte dabei implizit, ob ein „strammer Hintern” für den US-Senat qualifiziere. Es erinnert an Trumps berühmte Zitate der Vergangenheit:
- „Grab them by the pussy” – ein Satz, der weltweit für Empörung sorgte
- Sticheleien über Marco Rubios kleine Hände mit eindeutiger Implikation
- Die Bezeichnung „Low-T Talerico” für den demokratischen Senatskandidaten in Texas – ein Angriff auf dessen Testosteronspiegel
- Der Spott über James Talierico als Veganer – für Trump ein Synonym für Weichheit
Diese Angriffe folgen einer klaren Logik: Wer körperlich oder hormonell als defizitär gilt, soll auch politisch als ungeeignet erscheinen.
Auch Demokraten spielen das Männlichkeits-Spiel
Doch die Demokraten stehen dem kaum nach. Abdul El-Sayed, demokratischer Kandidat in Michigan, wird von Gegnern zwar als „Jihadist” diffamiert – aber immerhin nicht als „Low-T”. El-Sayed selbst greift ebenfalls zu stammtischtauglicher Rhetorik und bezeichnet seinen republikanischen Konkurrenten Mike Rogers als „Beta” – also als kein echtes Alpha-Männchen.
Was beide Seiten verbindet, ist die Bereitschaft, politische Auseinandersetzung auf eine Ebene der körperlichen und hormonellen Überlegenheit zu reduzieren. Eine inhaltliche Debatte bleibt dabei häufig auf der Strecke.
Beobachter ziehen Parallelen zu Europa: Der deutsche AfD-Politiker Maximilian Krah hatte einst behauptet, echte Männer wählten rechts. Die Strategie, Männlichkeit als politisches Kapital einzusetzen, ist also kein rein amerikanisches Phänomen.
Einordnung: Wenn Testosteron-Kult Politik ersetzt
Der Trend zur Inszenierung von Männlichkeit im Wahlkampf ist mehr als eine politische Kuriosität. Er spiegelt tieferliegende gesellschaftliche Unsicherheiten wider – über Rollenbilder, Identität und die Frage, welche Qualitäten politische Führung ausmachen.
Dass sowohl Republikaner als auch Demokraten auf dieses Mittel zurückgreifen, zeigt: Es gibt offenbar ein Publikum, das auf solche Signale anspricht. Für den demokratischen Diskurs ist das eine bedenkliche Entwicklung. Solange Testosteron-Rhetorik Aufmerksamkeit generiert und Wählerstimmen verspricht, wird sie aus dem amerikanischen Wahlkampf kaum verschwinden. Die entscheidende Frage bleibt, ob Wählerinnen und Wähler am Ende Substanz über Symbolik stellen werden.
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