Codesphere: Europas Antwort auf Amazon, Microsoft und Google
Codesphere-Gründer Elias Schneider will mit seiner Cloud-Plattform Europas digitale Souveränität sichern – und gewann bereits einen 250-Millionen-Staatsauftrag.
Dieses Video wurde am 06.11.2026 von Handelsblatt auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Was passiert, wenn die USA Europa morgen den digitalen Stecker ziehen? Diese Frage treibt Elias Schneider, Gründer und CEO des Karlsruher Cloud-Startups Codesphere, täglich an. Mit seiner Plattform bringt er Cloud-Technologie in die Rechenzentren von Ministerien, der Bundeswehr und Gefängnissen – und hat gemeinsam mit SAP, der Telekom, der Schwarz-Gruppe und dem IT-Dienstleister SVA einen Rahmenvertrag des Bundes über 250 Millionen Euro gewonnen. Laut Codesphere ist das der größte Staatsauftrag, den ein Startup in Europa jemals errungen hat. Hintergrund ist eine ernste geopolitische Frage: Europas IT-Infrastruktur läuft heute zu weiten Teilen auf den Servern amerikanischer Hyperscaler – und damit auf unsicherem Terrain.
Wenn der Stecker gezogen wird: Europas digitale Abhängigkeit
Nahezu das gesamte digitale Leben in Europa basiert auf Diensten von Amazon Web Services, Microsoft Azure und Google Cloud. Supermarktketten, Behörden, Kommunikationsdienste, Betriebssysteme auf Smartphones und Laptops – all das läuft über US-amerikanische Infrastruktur. Schneider warnt: Ein vollständiger Ausschluss wäre nicht einmal nötig, um massive Schäden anzurichten.
Schon das Sperren einzelner Zugänge – wie es zuletzt bei einem Mitarbeiter eines europäischen Gerichts geschah – könne geopolitisch instrumentalisiert werden. „Digitale Souveränität ist nicht ein Thema der Abwehrhaltung, sondern die absolute Basisbedingung dafür, dass wir nicht erpressbar sind”, betont Schneider. Szenarien, in denen ein US-Präsident die Rechenleistung europäischer KI-Modelle drosseln könnte, hält er für absolut realistisch – und nicht etwa für Science-Fiction.
Digitale Souveränität als Marktchance für Europa
Schneider plädiert dafür, digitale Souveränität nicht als Schutzmechanismus, sondern als wirtschaftliche Chance zu begreifen. Der europäische IT-Markt umfasst rund 1,28 Billionen US-Dollar – damit ist er sogar etwas größer als der US-amerikanische. Allerdings werden davon noch 83 Prozent in eigenen Rechenzentren betrieben; nur 17 Prozent liegen in der Cloud.
Dieser Cloudanteil wächst aber rasant – von aktuell rund 224 Milliarden auf prognostizierte 536 Milliarden Dollar bis 2030, getrieben vor allem durch Künstliche Intelligenz. Gleichzeitig sind 50 bis 65 Prozent des europäischen IT-Markts staatlich kontrolliert und damit für Anbieter aus anderen Ländern kaum zugänglich. Genau hier setzt Codesphere an: als eine Art App Store für kritische Infrastruktur, der Softwareherstellern den Zugang zu diesem bislang verschlossenen Markt eröffnet.
Das Geschäftsmodell: Die Plattformschicht zwischen Blech und Anwendung
Codesphere liefert weder physische Server noch fertige Endanwendungen – das Unternehmen stellt die Plattformschicht dazwischen bereit. Behörden und Unternehmen wie die Bundeswehr oder Gefängnisbetreiber verfügen oft bereits über eigene Server in Hochsicherheitsumgebungen. Codesphere automatisiert deren Verwaltung so, dass sie wie eine moderne Cloud-Umgebung funktionieren: Anwendungen lassen sich per Klick deployen, ohne dass teure IT-Administratoren nötig sind.
Das Modell bietet mehrere Vorteile auf einmal:
- Bestehende Rechenzentren werden zu flexiblen, cloud-ähnlichen Umgebungen aufgewertet.
- Softwareanbieter erhalten über die Plattform direkten Zugang zu Kunden in kritischer Infrastruktur – national und international.
- Die Lösung basiert auf Open-Source-Technologien, sodass Kunden nicht zwingend auf Codesphere angewiesen bleiben.
- Hybridfähigkeit ermöglicht es, flexibel zwischen verschiedenen Rechenzentren zu wechseln – ein zentrales Kriterium der gewonnenen Bundesausschreibung.
- 30 Prozent des Umsatzes fließen an lokale Rechenzentrumsanbieter wie Telekom und Schwarz-Gruppe zurück.
Das Konsortium aus SAP, Telekom, Schwarz-Gruppe und SVA entstand nicht zufällig: Jeder Partner steuerte Fähigkeiten bei, die für die strengen Sicherheits- und Hybriditätsanforderungen der Ausschreibung notwendig waren. Codesphere brachte dabei insbesondere Expertise in Confidential Computing und hohen Sicherheitsstandards mit – ein Alleinstellungsmerkmal, das im kritischen Infrastrukturbereich entscheidend ist.
Börsenpläne und europäischer Aufbruch
Codesphere hat bislang rund 40 Millionen Euro eingesammelt. Eine neue Finanzierungsrunde ist in Vorbereitung, soll aber vor allem strategische Partnerschaften in anderen europäischen Ländern absichern – etwa in Frankreich, Österreich und dem Vereinigten Königreich. Das Ziel: das erfolgreiche deutsche Modell in jedem Land gemeinsam mit einem lokalen Partner replizieren, um politisch kontrollierte Märkte zu öffnen.
Schneider gibt sich dabei ambitioniert: „In fünf Jahren sind wir an einer europäischen Börse”, sagt er – und ergänzt, dass dafür zunächst ein einheitlicher europäischer Kapitalmarkt entstehen müsse, möglicherweise in einem kleineren Land wie Österreich. Ob der Rückenwind durch geopolitische Unsicherheiten nach den US-Midterms abnimmt, bezweifelt er: Die strukturelle Abhängigkeit von US-Hyperscalern und die hohe amerikanische Staatsverschuldung machten eine Neuausrichtung Europas unabhängig von einzelnen Politikern notwendig. Der europäische Binnenmarkt – riesig, teils unerschlossen und nach gemeinsamen Werten geformt – bleibt in Schneiders Augen die größte digitale Wachstumschance der kommenden Dekade.
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