KI-Nation Deutschland: Ambition trifft harte Realität
Deutschland will bis 2030 zur KI-Nation werden – doch Investor Frank Thelen zweifelt stark daran. Was dem Land im KI-Wettbewerb fehlt und was falsch läuft.
Dieses Video wurde am 05.11.2026 von WELT Nachrichtensender auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Deutschland soll bis 2030 zur KI-Nation aufsteigen – so lautet das Ziel von Bundeskanzler Friedrich Merz, das er beim Digitalgipfel in Berlin ausgegeben hat. Die KI-Taskforce der Bundesregierung sieht die kommenden 12 bis 18 Monate als entscheidend an. Mindestens 80 Prozent der Großunternehmen und 55 Prozent der kleinen und mittleren Unternehmen sollen KI bis dahin einsetzen. Doch ob Deutschland dieses Ziel erreichen kann, ist unter Experten und Investoren höchst umstritten. Unternehmer und Investor Frank Thelen äußert sich dazu deutlich skeptisch – und findet für manche politische Idee harsche Worte.
Cybersicherheit und Digitalisierung: Deutschland noch weit zurück
Aktuelle Hackerangriffe auf europäische Supermarktketten zeigen exemplarisch, wie groß der Nachholbedarf ist. Thelen urteilt klar: Das Cybersecurity-Setup in Europa sei auf keinem guten Stand. IT-Administratoren und Sicherheitsstrukturen hätten erhebliche Lücken. Dabei sei der jüngste Angriff noch vergleichsweise glimpflich verlaufen – die Risiken könnten künftig deutlich größer werden.
Ein Grundproblem: Nach dem ERP-Riesen SAP habe Europa kaum noch bedeutende Softwareunternehmen hervorgebracht. Stattdessen dominiere die Angst vor Datenschutzverstößen das digitale Denken – die DSGVO sei zwar ein starkes Regelwerk, stehe aber innovativem Handeln häufig im Weg.
KI-Wettbewerb: Europa hat nach Einschätzung von Experten fast verloren
Im globalen KI-Rennen stehen die USA und China an der Spitze – Europa hingegen fehlen nach Thelens Einschätzung gleich mehrere entscheidende Bausteine:
- Eigene KI-Chips und Halbleiterproduktion (mit Ausnahme von ASML in der Lieferkette)
- Ein eigenständiges, wettbewerbsfähiges Betriebssystem
- Leistungsfähige europäische Cloud-Infrastruktur
- Große, eigene KI-Sprachmodelle oder KI-Plattformen
- Ausreichende Rechenkapazität – Europa verfüge laut Thelen über höchstens ein Fünftel der US-amerikanischen Kapazitäten
Selbst der Nvidia-Chef Jensen Huang äußerte beim Gipfel mit Merz große Sorgen um Europas KI-Zukunft. Führende Köpfe der KI-Industrie sagten demnach offen, Europa habe den Anschluss bereits nahezu verloren. Zwar betont Huang, dass Deutschland und Europa bei der Anwendung von KI noch Stärken ausspielen könnten – doch auf der Ebene der Basismodelle und Infrastruktur sei man „blank”.
Geheimdienste auf Google-Cloud: Keine heimischen Alternativen
Besonders symbolträchtig ist ein aktueller Medienbericht, wonach deutsche Geheimdienste für eine geplante gemeinsame Cloud auf die Technologie des US-Konzerns Google setzen wollen. Thelen sieht darin keine politische Entscheidung, sondern schlicht ein Resultat fehlender europäischer Optionen: Weder bei Chips, noch bei Betriebssystemen oder Cloud-Infrastruktur gebe es nennenswerte europäische Player. Sowohl die USA mit ihren großen Technologiekonzernen als auch China mit Plattformen wie Tencent und Baidu hätten eigene digitale Ökosysteme aufgebaut – Europa hingegen nicht.
Positiv bewertet Thelen immerhin Digitalminister Carsten Wilmsberger, dem er echtes Fachwissen und das richtige Mindset bescheinigt. Allerdings stehe dieser weitgehend allein, da andere Ministerien das Thema Digitalisierung nicht mit vergleichbarer Ernsthaftigkeit vorantrieben.
Pläne zur KI-Steuer: „Saudumm” – Thelen reagiert entsetzt
Für besondere Empörung sorgt bei Thelen die diskutierte Idee, KI-Gewinne zu besteuern – und das, obwohl selbst große KI-Unternehmen bislang kaum Gewinne erwirtschaften. Seine Reaktion fiel unmissverständlich aus: „Das ist einfach saudumm.” Deutschland habe die technologische Entwicklung verschlafen, kämpfe mit den höchsten Energiepreisen in Europa und setze KI im internationalen Vergleich kaum ein.
Auch das Beispiel des Datenanalysespezialisten Palantir illustriert das Problem: CEO Alex Karp, der selbst Deutsch spricht, habe versucht, die Software persönlich in Deutschland zu etablieren – und sei an mangelnder Offenheit der hiesigen Unternehmensführungen gescheitert. Das Mindset müsse sich grundlegend ändern, fordert Thelen, bevor man überhaupt über Besteuerung nachdenke.
Die politischen Ambitionen rund um den Digitalgipfel sind ein notwendiges Signal – doch zwischen Ankündigung und konkretem Aufholkurs liegt nach Einschätzung von Brancheninsidern noch ein erheblicher Weg. Ob Deutschland die selbst gesteckten Ziele bis 2030 erreichen kann, wird maßgeblich davon abhängen, ob Rahmenbedingungen wie Energiepreise, Investitionskapital und unternehmerisches Mindset sich substanziell verändern.
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