Deutsches Wirtschaftswachstum: Nur ein Strohfeuer?
Das Wirtschaftswachstum in Deutschland beschleunigt sich auf 1,3 % – doch IFO-Chef Fuß warnt: Ohne Strukturreformen droht nur ein kurzfristiges Strohfeuer.
Dieses Video wurde am 24.09.2026 von WELT Nachrichtensender auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Die deutsche Wirtschaft wächst stärker als erwartet – doch hinter den positiven Zahlen lauern erhebliche Risiken. Die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute haben ihre Wachstumsprognose für 2026 deutlich nach oben korrigiert: Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) soll in diesem Jahr um 1,3 Prozent zulegen, nach zuvor erwarteten 0,6 Prozent im Frühjahresgutachten. Für 2027 rechnen die Forscher mit einem Plus von 1,1 statt bisher 0,9 Prozent. IFO-Präsident Professor Clemens Fuß dämpft jedoch übertriebene Euphorie: Ohne konsequente Strukturreformen könnte der aktuelle Aufschwung lediglich ein Strohfeuer bleiben.
Wirtschaftswachstum über dem Vorkrisenniveau
Erstmals seit Mitte 2022 liegt die deutsche Wirtschaftsleistung wieder über dem damaligen Höhepunkt vor Ausbruch der Gaspreiskrise. Jene Krise hatte die Erholung nach der Pandemie abrupt gestoppt und mehrere Jahre wirtschaftlicher Schwäche eingeleitet. Der jetzige Aufschwung ist laut den Forschungsinstituten vor allem dem starken ersten Halbjahr zu verdanken.
Als Wachstumstreiber gelten die solide Industrieproduktion sowie eine lebhafte Exportwirtschaft. Der Aufschwung wird allerdings als moderat eingestuft und von strukturellen Problemen überlagert: Private Investitionen bleiben schwach, das Arbeitskräfteangebot schrumpft, und hohe Energiepreise belasten sowohl Unternehmen als auch Haushalte.
IFO-Geschäftsklima auf höchstem Stand seit 2023
Parallel zur verbesserten Konjunkturprognose kletterte das IFO-Geschäftsklima im September um 1,1 Punkte auf 89,9 Punkte – der höchste Stand seit Mai 2023 und bereits der fünfte Anstieg in Folge. Analysten hatten lediglich 89 Punkte erwartet.
IFO-Chef Fuß erläuterte, welche Branchen die Stimmungsverbesserung tragen:
- Elektrobranche: profitiert von der Ausrüstung von Rechenzentren und der fortschreitenden Digitalisierung
- Ingenieurbüros: ausgelastet durch zunehmende Infrastrukturprojekte
- Verteidigungsindustrie: wächst dank staatlicher Aufträge, die auch Zulieferer und den Maschinenbau erreichen
- Automobilindustrie: bleibt trotz der allgemeinen Aufhellung ein Sorgenkind
Die Stimmungsverbesserung ist demnach sektoral ungleich verteilt, deckt aber inzwischen mehrere Wirtschaftsbereiche ab.
Energiepreise und Reformstau als zentrale Bremsfaktoren
Als wesentlichen Bremsfaktor für die Konjunktur benennt Fuß die gestiegenen Energiepreise, die infolge der geopolitischen Spannungen rund um den Iran weiter unter Druck stehen. Den von der Bundesregierung geplanten Tankrabatt und einen Spritpreisdeckel hält der IFO-Präsident für wenig zielgenau: Die Maßnahme entlaste vor allem Vielfahrer mit großen Fahrzeugen, nicht aber einkommensschwache Haushalte. Effektiver wären gezielte Entlastungen über die Pendlerpauschale oder direkte Transferzahlungen an Haushalte mit niedrigen Einkommen.
Noch gravierender könnten die Folgen eines nachlassenden Reformwillens der Bundesregierung sein. Fuß warnte explizit davor, Sozialstaatsreformen – etwa die diskutierte Rücknahme der Abschaffung der Rente mit 63 – aufzuweichen. Ohne Reformen drohten steigende Sozialversicherungsbeiträge, sinkende Nettoeinkommen und eine anhaltende Investitionszurückhaltung privater Akteure.
Nachhaltiges Wachstum statt schuldenfinanziertem Strohfeuer
Fuß brachte die Kernsorge des IFO auf den Punkt: Die aktuell schuldenfinanzierten Staatsausgaben könnten kurzfristig die Konjunktur beleben, ohne aber nachhaltige Wachstumsgrundlagen zu schaffen. „Wir hätten dann wohl nur ein Strohfeuer”, so der IFO-Präsident. Was Deutschland stattdessen brauche, seien strukturelle Reformen, die private Investitionen anziehen, den Arbeitsmarkt stärken und die Wettbewerbsfähigkeit dauerhaft sichern.
Auch am Kapitalmarkt sorgte die Gemengelage für gemischte Signale: Der DAX konnte von der positiven Konjunkturnachricht kaum profitieren, weil steigende Ölpreise die Anleiherenditen nach oben trieben. Die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen erreichte mit 3,57 Prozent den höchsten Stand seit 2009 – ein klares Zeichen, dass Märkte die strukturellen Risiken der deutschen Wirtschaft sehr wohl einpreisen. Ob der aktuelle Aufschwung tatsächlich nachhaltig ist, wird maßgeblich davon abhängen, welche wirtschaftspolitischen Entscheidungen in den kommenden Monaten getroffen werden.
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