30 Jahre Börsenerfahrung: Die größten Lektionen
Was lehren 30 Jahre Börsenerfahrung? Zwei Redakteure des Aktionär blicken auf Dotcom-Blase, 9/11, Corona-Crash und den KI-Boom zurück.
Dieses Video wurde am 08.11.2026 von DER AKTIONÄR TV auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Drei Jahrzehnte Börsenerfahrung hinterlassen Spuren – in Depots, in Redaktionen und in den Köpfen derjenigen, die Marktbewegungen täglich verfolgen und kommentieren. Michael Schröder und Thomas Bergmann, zwei der dienstältesten Redakteure des Finanzmagazins Der Aktionär, ziehen Bilanz: über Euphorien und Abstürze, über den Wandel des Börsenjournalismus und über die Frage, ob künstliche Intelligenz eine neue Spekulationsblase befeuert oder eine echte Revolution darstellt.
Börsenjournalismus im Wandel: Vom Monatsmagazin zum Multimedia-Haus
Als Thomas Bergmann am 1. September 1999 seine Stelle antrat, erschien Der Aktionär noch als monatliches Printmagazin. Wenige Jahre später folgte der wöchentliche Rhythmus, schließlich der Einstieg in das Online-Geschäft – und heute produziert die Redaktion Artikel, Podcasts, Videos und TV-Formate parallel.
Michael Schröder kam 2008 hinzu, direkt nach der globalen Finanzkrise. Für ihn war die Wahl des Arbeitgebers eine bewusste Entscheidung: Er suchte ein Unternehmen, das auch künftige Krisen überstehen würde – und fand es im Börsenjournalismus.
Beide betonen, wie stark sich die Informationslandschaft verändert hat. Früher war es noch möglich, direkt mit Vorständen zu sprechen, bevor deren Aussagen der breiten Öffentlichkeit zugänglich wurden. Heute regeln strenge Compliance- und Regulierungsvorschriften den Informationsfluss. Die Dynamik ist schneller, die Produktpalette breiter – und die Anforderungen an Redakteure höher als je zuvor.
Dotcom-Blase und 9/11: Einschneidende Erlebnisse mit Lerneffekt
Die Dotcom-Euphorie der späten 1990er-Jahre ist für beide ein prägendes Kapitel. Bergmann erinnert sich an einen symbolischen Moment: Ein 90-jähriger Mann wurde im Rollstuhl in eine Sparkasse geschoben, um dort ein Aktiendepot zu eröffnen – ein untrügliches Zeichen, dass der Markt überhitzt war.
Doch selbst wer die Übertreibung erkannte, handelte oft zu spät. Emotionen überlagerten rationales Denken – ein Phänomen, das beide als eines der grundlegenden Probleme an der Börse beschreiben.
- Viele Anleger setzten damals auf Unternehmen, ohne deren Geschäftsmodell zu kennen.
- Bewertungen basierten fast ausschließlich auf Umsatzwachstum, nicht auf Gewinnen.
- IPO-Zuteilungen galten als sichere Gewinnquelle – unabhängig vom Unternehmen dahinter.
- Der DAX stieg vom Herbst 1999 bis März 2000 von rund 5.000 auf über 8.000 Punkte.
Das Ereignis, das sich am tiefsten ins Gedächtnis gebrannt hat, ist jedoch der 11. September 2001. Schröder beschreibt, wie er den zweiten Einschlag live im Büro auf dem Fernsehbildschirm verfolgte. Nicht nur das humanitäre Ausmaß, sondern auch die anschließende Schließung der Börsen und die allgemeine Ratlosigkeit machten diesen Moment zu einem unvergleichlichen Einschnitt.
Corona-Crash: Überraschende Dynamik, noch überraschendere Erholung
Beim Corona-Crash im Frühjahr 2020 überraschte beide Redakteure weniger der Absturz an sich als dessen extreme Geschwindigkeit. Bergmann gestand, in der Panik sogar Teile von Langfristpositionen in Kinderdepots verkauft zu haben – und wurde dann von der V-förmigen Erholung überrollt, die ebenso schnell eintrat wie der Einbruch.
Schröder hingegen war aufgrund früherer Krisen innerlich darauf vorbereitet, dass auf einen scharfen Rückgang eine dynamische Aufwärtsbewegung folgen würde – auch wenn der genaue Zeitpunkt der Trendwende nicht vorhersehbar ist. Rückblickend gilt der Mut zu antizyklischen Empfehlungen im Corona-Tief als eine der besten redaktionellen Entscheidungen.
Ein Faktor, der die Resilienz der Märkte strukturell stärkt: Notenbanken haben in den vergangenen Krisen zunehmend die Bereitschaft gezeigt, rasch und entschlossen zu intervenieren. Das verringert zwar nicht das Risiko von Korrekturen, dämpft aber die Wahrscheinlichkeit extremer und langanhaltender Abstürze.
Künstliche Intelligenz: Revolution, keine Blase – aber mit Risiken
Beim Thema künstliche Intelligenz sind sich beide einig: KI ist keine Spekulationsblase im Sinne der Dotcom-Ära. Der entscheidende Unterschied liegt in der fundamentalen Substanz der beteiligten Unternehmen.
Damals wurden Firmen nach Kurs-Umsatz-Verhältnissen bewertet, die keinerlei Gewinne widerspiegelten. Heute erwirtschaften Konzerne wie Nvidia oder Micron substanzielle Gewinne – bei Micron entsprach der Quartalsumsatz zuletzt dem gesamten Vorjahresumsatz. Free Cashflow und Gewinnwachstum sind heute maßgebliche Bewertungsmaßstäbe, die den Vergleich zur Dotcom-Zeit deutlich positiver ausfallen lassen.
Dennoch mahnen die Börsenveteranen zur Differenzierung: Ob die massiven Investitionen der Tech-Konzerne in KI-Infrastruktur langfristig nachhaltige Renditen erwirtschaften, bleibt offen. Bei einzelnen Unternehmen und Bewertungsniveaus sei durchaus Vorsicht geboten.
Nach 30 Jahren Börsenerfahrung lautet das Fazit beider Redakteure: Märkte werden schneller, Trends kürzer und Reaktionszeiten knapper. Wer jedoch aus vergangenen Krisen gelernt hat, rationales Denken trainiert und Leidenschaft für das Thema mitbringt, ist besser gewappnet – für den nächsten Aufschwung ebenso wie für den nächsten Einbruch.
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