Dieses Video wurde am 22.08.2026 von WELT Nachrichtensender auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Die Gaskrise in Deutschland spitzt sich zu: Verbraucherschützer warnen vor steigenden Gaspreisen zur kommenden Heizsaison, da die deutschen Gasspeicher aktuell nur zu gut 50 Prozent gefüllt sind. Das liegt deutlich unter dem europäischen Durchschnitt. Als wesentlicher Treiber der angespannten Lage gilt der Irankrieg, der zu hohen Weltmarktpreisen geführt hat. Zusätzlich hat die Sperrung der Straße von Hormus das globale Angebot an Flüssigerdgas (LNG) erheblich verringert.
Speicherstände und Versorgungssicherheit: Wie groß ist die Gefahr?
Die Bundesnetzagentur und das Wirtschaftsministerium sehen die Versorgungssicherheit aktuell nicht in akuter Gefahr. Dennoch mahnt Hans Joachim Kümpel, ehemaliger Präsident der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe, zur Wachsamkeit: Es brauche einen klar durchdachten Plan A, Plan B und möglicherweise auch Plan C, um für alle Szenarien vorbereitet zu sein.
Die angespannte Lage zeigt sich in konkreten Zahlen: Deutschland verbraucht jährlich rund 80 Milliarden Kubikmeter Erdgas, fördert aus heimischen konventionellen Lagerstätten aber nur noch etwa 5 Milliarden Kubikmeter. Vor 20 Jahren waren es noch 20 Milliarden Kubikmeter – ein drastischer Rückgang, der die Abhängigkeit vom Weltmarkt deutlich erhöht hat.
Fracking-Verbot als zentrales Hindernis für Energieautarkie
Ein wesentlicher Grund für die geringe heimische Förderung ist das bestehende Verbot der Schiefergasförderung durch Fracking. Experte Kümpel hält dieses Verbot angesichts der veränderten geopolitischen Lage für überprüfenswert. Er betont, dass umweltgerechtes Fracking in Deutschland nach geltendem Genehmigungsrecht grundsätzlich möglich und sicher durchführbar sei.
Um das Risiko zu veranschaulichen, verweist Kümpel auf ein anschauliches Größenverhältnis:
- Die Gaslagerstätte liegt in etwa 2 km Tiefe – vergleichbar mit dem Keller eines 15-stöckigen Hochhauses.
- Der Bohrturm an der Oberfläche entspräche im Vergleich gerade einmal 1 Meter Höhe.
- Der Bohrdurchmesser wäre so dünn wie ein Strohhalm.
- Das schützenswerte Grundwasser liegt im Vergleich im 15. Stock – weit entfernt von der tiefen Lagerstätte.
Kümpel kritisiert, dass ein falsches Bild in der Öffentlichkeit entstanden sei: „Es ist schade, dass da nicht ein bisschen Einsicht Platz nimmt, dass Fracking bei uns eine absolut sichere Sache ist.”
LNG als Lösung – aber mit hohem CO₂-Preis
Als Ersatz für fehlende Eigenförderung und ausbleibende Pipeline-Importe setzt Deutschland verstärkt auf Flüssigerdgas (LNG). Doch auch diese Lösung hat erhebliche Nachteile. Kümpel rechnet vor: Um 20 Milliarden Kubikmeter heimisch gefördertes Gas durch LNG aus Übersee zu ersetzen, müssen dort 25 Milliarden Kubikmeter gefördert werden – fünf Milliarden mehr, allein für den Energieaufwand der Verflüssigung, des Transports und der Wiedervergasung.
Der damit verbundene CO₂-Fußabdruck beläuft sich auf schätzungsweise 15 bis 20 Millionen Tonnen pro Jahr – eine Menge, die im klimapolitischen Diskurs kaum thematisiert werde, obwohl andernorts jede eingesparte Tonne CO₂ zähle.
Energieversorgung: Kein kritischer Infrastrukturschutz in Sicht?
Die Debatte um Deutschlands einzige Ölbohrinsel im Wattenmeer verdeutlicht ein grundsätzliches Problem: Umweltorganisationen wie die Deutsche Umwelthilfe klagen wiederholt gegen Betriebslizenzen heimischer Förderanlagen. Kümpel sieht darin ein Symptom dafür, dass die Energieversorgung hierzulande noch immer nicht als kritische Infrastruktur behandelt wird.
Die kommende Heizsaison wird zeigen, ob die bestehenden Reserven und LNG-Importe ausreichen, um die Versorgung stabil zu halten. Politisch bleibt die Frage drängend, ob Deutschland angesichts geopolitischer Verwerfungen seine Haltung zur heimischen Gasförderung grundlegend überdenken muss.
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