Gido Heuer trotzt CDU-Fraktionszwang in Sachsen-Anhalt
CDU-Abgeordneter Gido Heuer will den Plenarsaal bei der Ministerpräsidentenwahl nicht verlassen – ein offener Bruch mit Fraktionschef Sven Schulze.
Dieses Video wurde am 22.10.2026 von NIUS auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Der CDU-Landtagsabgeordnete und ehemalige Fraktionschef Gido Heuer hat angekündigt, bei der bevorstehenden Wahl des AfD-Politikers Ulrich Siegmund zum Ministerpräsidenten von Sachsen-Anhalt den Plenarsaal nicht zu verlassen. Damit widersetzt er sich als erster CDU-Abgeordneter öffentlich dem Beschluss der Fraktionsführung unter dem noch amtierenden Ministerpräsidenten Sven Schulze. Seine Aussage machte Heuer im Exklusivinterview mit NIUS-Politikchef Ralf Schuler – und dürfte weit über Magdeburg hinaus politische Wellen schlagen.
Der Fraktionsbeschluss und Heuers offene Revolte
Die CDU-Fraktion im Landtag von Sachsen-Anhalt hatte beschlossen, bei der Wahl des AfD-Kandidaten Siegmund geschlossen den Saal zu verlassen. Offiziell lautete die Begründung, man wolle die Abgeordneten vor dem Verdacht schützen, für den AfD-Bewerber gestimmt zu haben. Kritiker sehen darin jedoch einen massiven Eingriff in das freie Mandat.
Heuer macht keinen Hehl aus seiner Ablehnung: „Ich selber bin zu dem Entschluss gekommen, dass ich den Saal nicht verlassen werde.” Gleichzeitig erhebt er schwere Vorwürfe gegen Sven Schulze – er verweist auf Paragraph 106 des Strafgesetzbuches, der die Nötigung von Mitgliedern eines Verfassungsorgans unter Strafe stellt. Der Fraktionsbeschluss sei nichts anderes als der Versuch, Abgeordnete durch die Androhung gesellschaftlicher Ächtung gefügig zu machen.
Gespaltene Fraktion und das Votum 8:7
Die CDU-Fraktion in Sachsen-Anhalt ist tief zerrissen. Bei einer internen Abstimmung über den Fraktionsvorsitz unterlag Heuer Sven Schulze mit 7 zu 8 Stimmen – denkbar knapp. Das bedeutet: Mindestens sieben Abgeordnete stehen inhaltlich auf Heuers Seite.
- Die Fraktion schrumpfte von einst 40 auf nur noch 15 Abgeordnete.
- Ein Stadtverband (Bad Dürrenberg) forderte in einem Brandbrief einen „konsequenten Neuanfang”.
- Die Basis bezeichnet die Brandmauer-Strategie als „krachend gescheitert”.
- Heuer fordert statt der Brandmauer „klare rote Linien – nach rechts wie nach links”.
Beobachter gehen davon aus, dass Heuer mit seiner öffentlichen Positionierung nicht allein bleiben wird. Wenn einer vorangeht, folgen erfahrungsgemäß andere.
Demokratieprinzip im Mittelpunkt der Debatte
Heuer beruft sich auf die Grundprinzipien der parlamentarischen Demokratie: Jeder Abgeordnete ist dem freien Mandat verpflichtet und als direkt gewählter Volksvertreter zu keiner Vorabfestlegung seines Abstimmungsverhaltens verpflichtet. Den Saal vor einer geheimen Wahl zu verlassen, käme einer öffentlich erzwungenen Enthaltung gleich – und damit einer Verletzung des Wahlgeheimnisses.
„Dafür sind wir 89 nicht auf die Straße gegangen”, zitiert Heuer sinngemäß die Erfahrungen der friedlichen Revolution. Der Vergleich mit dem demokratischen Zentralismus der DDR, bei dem die Partei das Abstimmungsverhalten vorgab, steht im Raum. Bundeskanzler Friedrich Merz hatte nach der Wahl des AfD-Politikers Tobias Rausch zum Landtagspräsidenten eine „Aufklärung” der geheimen Wahl gefordert – auch das stößt Heuer bitter auf.
Ausblick: Was die Entscheidung für Sachsen-Anhalt und die CDU bedeutet
Die Wahl Ulrich Siegmunds zum Ministerpräsidenten rückt näher. Ob die CDU-Fraktion bei ihrer Auszugsstrategie bleibt, ist nach Heuers Erklärung offen. Politisch steht die Landespartei unter erheblichem Druck: Schlechte Wahlergebnisse, eine gespaltene Fraktion und eine Basis, die die Berliner Parteilinie ablehnt, lassen die CDU Sachsen-Anhalt vor einer Richtungsentscheidung stehen. Heuers Schritt könnte der Beginn einer breiteren Debatte darüber sein, wie die Union künftig mit der AfD und dem eigenen Selbstverständnis als demokratische Volkspartei umgeht – weit über die Grenzen Sachsen-Anhalts hinaus.
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