Merz in Kiew: Drohnenangriff als Putins Signal
Während Kanzler Merz Kiew besuchte, traf eine russische Drohne die Nordbrücke. Korrespondenten sehen darin eine bewusste Botschaft Moskaus an Berlin.
Dieses Video wurde am 05.10.2026 von WELT Nachrichtensender auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Beim Besuch von Bundeskanzler Friedrich Merz in Kiew hat Russland ein unmissverständliches Signal gesetzt: Während der Kanzler sich in der ukrainischen Hauptstadt aufhielt, traf eine russische Drohne die Nordbrücke der Stadt — nur rund fünf Kilometer vom Aufenthaltsort des Kanzlers entfernt. Das russische Außenministerium hatte zuvor zynisch Ausländer gewarnt, Kiew wegen bevorstehender Angriffe zu verlassen. Merz erklärte vor Ort, man lasse sich davon nicht einschüchtern. Für WELT-Korrespondent Christoph Wanner handelt es sich eindeutig um eine bewusste, politisch motivierte Aktion des Kremls.
Drohnenangriff auf Kiew: Eine bewusste Botschaft Moskaus
Der Angriff während des Merz-Besuchs ist nach Einschätzung des WELT-Korrespondenten in Kiew kein Zufall. Besuche hochrangiger westlicher Politiker in der ukrainischen Hauptstadt gelten zwar offiziell als geheim — tatsächlich sind sie es nicht. Journalisten werden lediglich gebeten, Sperrfristen einzuhalten, um eine gewisse Sicherheitsillusion aufrechtzuerhalten.
Russische Geheimdienste wissen in der Regel genau, wer sich in Kiew aufhält. Dass dennoch angegriffen wurde, wird als gezielter Affront gegenüber Deutschland gewertet. Der Kontrast zu einem früheren Besuch macht die politische Dimension besonders deutlich: Als die US-Sondergesandten Jared Kushner und Steve Witkoff am 6. September in Kiew waren, blieb die Stadt vollständig ruhig — kein einziger Angriff. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenski scherzte damals, die beiden seien das beste Flugabwehrsystem der Ukraine.
Beim Besuch von Merz hingegen folgten massive Drohnenangriffe und mehrfacher Luftalarm. Das russische Kriegsblogger-Portal Ribar spottete daraufhin, Merz sei offenbar kein so gutes Flugabwehrsystem — eine Aussage, die den diplomatischen Stellenwert widerspiegelt, den der Kreml der Bundesregierung beimisst.
Alltag unter Beschuss: Wie die Kiewer Bevölkerung reagiert
Die Lage für die Zivilbevölkerung in Kiew hat sich zuletzt drastisch verschärft. Die Menschen reagieren auf die wachsende Bedrohung sehr unterschiedlich:
- Wer es sich leisten kann und jobmäßig flexibel ist, verlässt Kiew in Richtung des sichereren Westens der Ukraine.
- Bis zu 10.000 Menschen pro Nacht schlafen in den tiefen U-Bahn-Stationen der Kiewer Metro, wenn Vorwarnungen eingehen.
- Ein Teil der Bevölkerung scheint den Krieg weitgehend auszublenden und lebt seinen Alltag nahezu unverändert weiter.
Ein Beispiel für diese Gewöhnung an das Außergewöhnliche: Im Kiewer Zoo waren während der Angriffe zahlreiche Besucher, darunter Familien mit Kindern. Als eine Drohne über dem Gelände abgeschossen wurde, zeigten Umstehende kurz auf die weiße Rauchwolke — und machten dann einfach weiter.
Jetdrohnen als wachsende Gefahr für die Ukraine
Besonders besorgniserregend ist der verstärkte Einsatz sogenannter Jetdrohnen — Kamikaze-Drohnen mit Düsenantrieb. Diese Waffen stellen die ukrainische Luftabwehr vor erhebliche Probleme, da die vorhandenen Mittel nicht ausreichen, um sie flächendeckend abzufangen. Die aktuelle Abfangquote liegt bei rund 60 Prozent — was bedeutet, dass vier von zehn dieser Drohnen ihr Ziel erreichen können.
Kanzler Merz kündigte bei seinem Besuch an, Deutschland werde die Ukraine mit neuen Anti-Drohnen-Systemen unterstützen — sogenannten Abfangdrohnen, die speziell darauf ausgelegt sind, feindliche Drohnen in der Luft zu neutralisieren. Diese Zusage gilt als direkte Reaktion auf die veränderte Bedrohungslage.
Diplomatische Eskalation mit strategischem Kalkül
Der Drohnenangriff auf Kiew während des Merz-Besuchs lässt sich kaum als Zufall interpretieren. Er reiht sich in ein Muster ein, das der Kreml offenbar gezielt nutzt: Gesprächspartner, an denen Russland ein Interesse hat — wie die US-Gesandten — werden mit Ruhe empfangen, während unliebsame Partner demonstrativ unter Druck gesetzt werden.
Für Deutschland bedeutet dies eine klare Botschaft: Moskau nimmt die Bundesregierung nicht als ernstzunehmenden Verhandlungspartner wahr — oder will dies zumindest öffentlich so darstellen. Wie Berlin auf diese Provokation reagiert und ob die angekündigten Waffenlieferungen die Lage für die ukrainische Bevölkerung spürbar verbessern können, wird die kommenden Wochen prägen — noch bevor der Winter die Lage zusätzlich verschärft.
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