Vučić tritt zurück: Neuwahlen in Serbien
Serbiens Präsident Vučić gibt sein Amt ab – sieben Monate vor dem regulären Ende seiner Amtszeit. Wie es politisch weitergeht und was hinter dem Schritt steckt.
Dieses Video wurde am 28.09.2026 von Handelsblatt auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Serbiens langjähriger Staatschef Alexander Vučić ist am Sonntag von seinem Amt als Präsident zurückgetreten und hat damit den Weg für vorgezogene Präsidentschaftswahlen freigemacht. Der Schritt kommt sieben Monate vor dem regulären Ende seiner zweiten und letzten Amtszeit – und ist politisch strategisch kalkuliert: Vučić strebt nach der Parlamentswahl am 25. Oktober das Amt des Ministerpräsidenten an, sofern seine Serbische Fortschrittspartei (SNS) die neue Regierung bilden kann.
Rücktritt vor jubelnden Anhängern in Belgrad
Vor dem Amtssitz in Belgrad verkündete der 56-Jährige seinen Abschied vor einer jubelnden Menge seiner Unterstützer. Er habe seinem Land treu gedient und sei stolz auf das gemeinsam Erreichte, erklärte Vučić bei der Zeremonie. Der Ton war bewusst triumphierend – nicht der eines gescheiterten Politikers, sondern eines Mannes, der die Kontrolle über seinen eigenen Abgang beansprucht.
Bis zur Wahl eines neuen Staatsoberhaupts übernimmt die scheidende Parlamentspräsidentin Ana Brnabić das Amt der Übergangspräsidentin. Die erste Runde der Präsidentschaftswahl soll Vučić zufolge noch bis Ende Dezember 2026 stattfinden.
Bahnhofsunglück in Novi Sad als politischer Wendepunkt
Auslöser für den wachsenden politischen Druck auf Vučić war der Einsturz eines Vordachs am Bahnhof in Novi Sad im November 2024. Bei dem Unglück kamen 16 Menschen ums Leben. Das Ereignis löste landesweite Proteste aus, bei denen die Bevölkerung ein Ende der Korruption und vorgezogene Neuwahlen forderte.
Im Zusammenhang mit diesen Demonstrationen wurden zahlreiche Personen festgenommen oder angeklagt. Im Zuge seines Rücktritts verkündete Vučić, er habe 49 dieser Personen begnadigt – ein Schritt, der von Beobachtern sowohl als politisches Signal als auch als Versuch gewertet wird, den gesellschaftlichen Druck vor der Wahl zu mildern.
Vučić dominiert Serbiens Politik seit über einem Jahrzehnt
Vučić prägt die serbische Politik seit mehr als zehn Jahren – zunächst als Ministerpräsident, seit 2017 als Staatspräsident. Menschenrechtsorganisationen werfen ihm und seinen Verbündeten einen zunehmend autoritären Regierungsstil vor, der freie Medien einschränke und politische Gegner unter Druck setze. Die Regierung weist diese Vorwürfe zurück.
Charakteristisch für seinen Politikstil ist die Fähigkeit, zwischen nationalistischen und pro-europäischen Positionen zu balancieren – Serbien pflegt enge Beziehungen zu Russland und China, bewirbt sich gleichzeitig um eine EU-Mitgliedschaft.
Parlamentswahl im Oktober: Drei Lager im Wettbewerb
Bei der Parlamentswahl am 25. Oktober tritt die SNS gegen zwei wichtige Herausforderer an:
- Eine studentische Antikorruptionsbewegung, die aus den Protesten nach dem Bahnhofsunglück entstanden ist
- Ein prowestliches Oppositionsbündnis, das demokratische Reformen und eine stärkere Westbindung Serbiens fordert
- Weitere Kleinparteien und regionale Listen
Das Ergebnis der Parlamentswahl wird entscheidend sein: Nur wenn die SNS eine Regierungskoalition bilden kann, ist Vučićs Wechsel ins Amt des Ministerpräsidenten möglich.
Ausblick: Politische Neuordnung mit ungewissem Ausgang
Serbien steht vor einer politisch turbulenten Phase. Die Kombination aus Parlamentswahl im Oktober und Präsidentschaftswahl bis Ende Dezember stellt das Land vor eine Doppelbelastung im Wahlkalender. Ob Vučić seine politische Dominanz in einer neuen Rolle als Regierungschef fortsetzen kann oder ob die Oppositionsbewegungen – gestärkt durch den gesellschaftlichen Unmut der vergangenen Monate – den Wandel erzwingen, wird sich in den kommenden Wochen zeigen. Die internationale Gemeinschaft, allen voran die Europäische Union, beobachtet die Entwicklungen in Belgrad aufmerksam.
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