Westbam: Techno, Freiheit und KI im Interview
Westbam spricht über seine Punk-Wurzeln, die Loveparade, den Einfluss von DAF und Kraftwerk auf Techno – und warum ihn Künstliche Intelligenz begeistert.
Dieses Video wurde am 07.11.2026 von WELT Nachrichtensender auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Er gilt als eine der prägenden Figuren der deutschen Technokultur: Westbam, bürgerlicher Name Maximilian Lenz, begann seine musikalische Karriere als Punk in Münster, bevor er zum DJ wurde und die Clubszene Westberlins mitgestaltete. Im ausführlichen Gespräch blickt er auf seine antiautoritäre Kindheit, die Entstehung der Loveparade, den kulturellen Einschnitt durch den 11. September und seine überraschend positive Haltung gegenüber Künstlicher Intelligenz zurück.
Vom antiautoritären Kindergarten zur Punk-Rebellion
Westbam wurde 1965 geboren und wuchs in einem Haushalt auf, der von der 68er-Bewegung geprägt war. Seine Eltern, beide an der Kunstakademie ausgebildet, lehnten autoritäre Erziehung bewusst ab – als Reaktion auf die Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs. Der Kontrast zur staatlichen Grundschule war für ihn ein früher Kulturschock.
Die erste musikalische Rebellion kam über den Punk. Unter dem Namen Frank Zerox – inspiriert von einem Song der Hannoveraner Band Hansa Plus – bewegte er sich in der überschaubaren Münsteraner Punkszene. Der entscheidende Impuls war visuell: Ein Punk mit Spiky Hair, den er in den Niederlanden sah, veränderte seine Vorstellung von Identität und Stil nachhaltig.
Parallel zur Punkästhetik entdeckte er elektronische Musik. Bands wie DAF (Deutsch Amerikanische Freundschaft) und Kraftwerk faszinierten ihn, weil sie die Energie von Punk mit minimalistischen elektronischen Strukturen verbanden – ohne die klassische Strophe-Bridge-Refrain-Architektur angloamerikanischer Rockmusik.
Westberlin und das Erweckungserlebnis im Club
Ende der 1970er, Anfang der 1980er Jahre zog es Westbam nach Westberlin. Die Stadt beeindruckte ihn sofort durch ihre Gleichgültigkeit gegenüber äußerlichen Provokationen – selbst ältere Passanten reagierten nicht auf seinen Punk-Look. Für ihn war das eine Form gelebter Freiheit.
Das musikalisch prägende Erlebnis hatte er im Metropol, einem Treffpunkt der Schwulenszene. Dort hörte er zum ersten Mal non-stop gespielte elektronische Beats, beobachtete einen DJ bei der Arbeit und beschloss, diese Kunst selbst zu erlernen. Die Atmosphäre des Clubs – offen, nicht aggressiv, sexuell befreit – beschreibt er als einen der wichtigsten Momente seines Lebens.
Zurück in Münster, um die Schule abzuschließen, begann er als DJ aufzulegen. Zunächst unter dem Namen Captain Zerox, später – nach dem Umzug nach Berlin – als Westfalia Barbada, ein bewusster Seitenhieb auf die Feindseligkeit gegenüber Westdeutschen im damaligen Westberlin. Der Name Westbam setzte sich schließlich durch.
Loveparade, Mayday und der Soundtrack der 90er
Die Loveparade, gegründet von Dr. Motte, wurde zum Massenereignis – und Westbam lieferte wesentliche Teile ihres musikalischen Fundaments. Die Veranstaltungsreihe Mayday baute er mit auf. Er beschreibt den Aufstieg von Techno zur Massenkultur nicht als Ausverkauf, sondern als logische Konsequenz: Eine Kulturform wird weltbewegend, wenn sich die Gesellschaft in ihr spiegelt.
Für ihn ist der Mauerfall 1989 untrennbar mit dem Erfolg der Technokultur verbunden:
- Der Fall der Berliner Mauer schuf eine euphorische gesellschaftliche Stimmung, die Techno als Soundtrack aufgriff.
- Die neue Generation glaubte an liberale Demokratie, Offenheit und technologischen Fortschritt.
- Die Anschläge vom 11. September 2001 markierten für ihn das Ende dieser Ära – und erklären den Rückzug der Szene in das Minimalistische und Private, symbolisiert durch den Aufstieg des Berghain-Sounds.
Den Rückzug aus der Mayday-Organisation beschreibt er nüchtern: Als DJs plötzlich hohe Gagen verlangten und das Event immer stärker von Sponsoren abhängig wurde, verlor er das Interesse. Gastronom wollte er nicht werden.
Westbam über KI, Freiheit und die Gegenwart
Auf die Frage, ob Künstliche Intelligenz den DJ-Beruf bedrohe, reagiert Westbam gelassen und enthusiastisch. Er nutzt KI-Tools aktiv – etwa für technische Fragen zu seiner Software oder als Ernährungsberater. Für ihn ist die Auseinandersetzung mit neuer Technologie kein Widerspruch zur Kunstform Techno, sondern deren Kontinuität: Bereits Kraftwerk thematisierten auf dem Album Computerwelt den digitalen Wandel.
Grundsätzlich hält Westbam wenig von kulturpolitischen Schutzreflexen. Clubs müssten nicht zwingend an ihren angestammten Orten bleiben, Geschäftsmodelle könnten sich wandeln. Als seinen Plattenlabel der CD-Brenner das Fundament entzog, suchte er neue Wege statt zu klagen.
Zur Frage gesellschaftlicher Freiheit formuliert er eine pragmatische Position: Die größten Einschränkungen seien jene, die Menschen sich selbst im Kopf auferlegen. Im historischen Vergleich bewertet er Deutschland als ein Land mit erheblichen Entfaltungsmöglichkeiten. Die Corona-Maßnahmen versteht er als staatliche Fürsorge gegenüber Vulnerablen, nicht als Ausdruck von Bevormundung – auch wenn er Übertreibungen einräumt. Freiheit, so sein Fazit, beginnt mit der Bereitschaft, auf veränderte Realitäten aktiv zu reagieren statt zu verharren.
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