Dieses Video wurde am 18.08.2026 von DER AKTIONÄR TV auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Trotz geopolitischer Risiken, steigender Anleiherenditen und anhaltender Diskussionen über eine mögliche KI-Blase bleibt Max Kettner, Chefanlagestratege bei HSBC, seiner optimistischen Haltung am Aktienmarkt treu. Seine Aktienmarkt-Strategie basiert auf einer zentralen These: Die Gewinndynamik der Unternehmen wird vom Markt systematisch unterschätzt – und das eröffnet weiterhin Chancen. Gleichzeitig mahnt Kettner zur Selektivität: Nicht alle Branchen sind gleich attraktiv, und taktische Umschichtungen könnten sich in den kommenden Wochen auszahlen.
S&P 500 und DAX: Wo liegen die Kursziele?
Nachdem DAX und S&P 500 jüngst neue Allzeithochs markiert haben, sieht Kettner vor allem in den USA weiteres Potenzial. Das Kursgewinnverhältnis des S&P 500 liegt aktuell bei rund 19 – im Vergleich zu knapp 23 im November des Vorjahres. Angesichts der starken Gewinnentwicklung hält Kettner die Marke von 8.000 Punkten im S&P 500 für realistisch erreichbar, möglicherweise schon innerhalb weniger Wochen.
Beim DAX und europäischen Aktien ist er verhaltener. Aus relativer Perspektive bevorzugt er derzeit USA und Asien, da dort das Technologie-Exposure höher ist. Europa ist für ihn nicht unattraktiv – aber im direkten Vergleich sind die Chancen anderswo größer.
Gewinnentwicklung und Sentiment als Kurstreiber
Als wichtigste Kurstreiber nennt Kettner zwei Faktoren: die persistente Unterschätzung der Unternehmensgewinne und die Überreaktion bei Sentiment und Positionierung. Drei Berichtssaisons in Folge haben die Gewinne im Median positiv überrascht – und das nicht nur in der Technologiebranche oder in den USA, sondern auch in Europa, Japan und den Schwellenländern.
Gleichzeitig neigt der Markt dazu, bei negativen Schlagzeilen überzureagieren. Ob Nahostkonflikt, Sorgen um Private Credit oder steigende Anleiherenditen – die tatsächlichen wirtschaftlichen Auswirkungen blieben bisher deutlich geringer als befürchtet. Öl notiert trotz monatelangem Konflikt weit unter 100 Dollar.
Aktienmarkt-Strategie für Herbst: Barbell-Ansatz empfohlen
Für die traditionell schwächeren Monate September und Oktober empfiehlt Kettner keinen Rückzug aus dem Markt, aber eine gezielte Umschichtung. Seine bevorzugte Taktik ist ein sogenannter Barbell-Ansatz:
- Defensive Sektoren wie Healthcare und Gesundheitswesen, die trotz starker Quartalsergebnisse kursmäßig noch nicht aufgeholt haben
- KI- und Technologietitel, die nach der Korrektur im Juni und Juli technisch attraktiver geworden sind
- Europäische Banken, die von einer Versteilerung der Zinskurve profitieren und deren Gewinnentwicklung überzeugt
- US-Small-Caps (Russell 2000), die von sinkenden kurzfristigen Zinsen profitieren
Dagegen rät er zur Vorsicht bei sogenannten Bond Proxies: Versorger, Real Estate und US-Homebuilder – also Sektoren, die stark vom langen Ende der Zinskurve abhängen – bleiben vorerst unattraktiv, solange die langfristigen Anleiherenditen hoch bleiben.
Japan, Banken und die KI-Blasen-Frage
Besonders spannend findet Kettner derzeit Japan: Neben Finanztiteln sieht er Potenzial bei Verteidigungswerten, KI-Titeln und Konsumgüterunternehmen, die von fiskalischen Impulsen profitieren. Auch TSMC in Taiwan und koreanische Halbleiterwerte bleiben auf seinem Radar.
Die Frage nach einer KI-Blase beantwortet Kettner pragmatisch: Solange die Diskussion darüber noch geführt wird, ist die Blase unwahrscheinlich. Echte Blasen entstehen, wenn alle Anleger vollständig investiert und keinerlei Zweifel mehr vorhanden sind – das sei aktuell nicht der Fall.
Sein strukturelles Fazit: In einem Umfeld mit dauerhaft hohen Fiskaldefiziten und nominal höherem Wachstum brauchen Anleger langfristig eine höhere Aktienquote im Depot. Diese Einschätzung gilt nicht nur für institutionelle Investoren, sondern auch für Privatanleger – und über einen Zeithorizont von ein bis drei Jahren, nicht nur für die nächsten Wochen.
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