Dieses Video wurde am 21.08.2026 von Handelsblatt auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Mehr als viereinhalb Jahre nach Beginn des russischen Angriffskriegs spitzt sich der Ukrainekrieg auf einer neuen Ebene zu. Russland bombardiert ukrainische Städte mit ballistischen Raketen, die Ukraine schlägt tief ins russische Hinterland zurück – mit Hunderten von Drohnen, die inzwischen sogar Moskau erreichen. Der Sicherheitsexperte Nico Lange ordnet ein, warum der Krieg für Russland zunehmend innenpolitisch gefährlich wird, wo der Ukraine Ressourcen fehlen und was von den Parlamentswahlen im Kreml zu erwarten ist.
Zwei Kriege gleichzeitig: Front und Luftraum
An der Frontlinie im Osten und Süden der Ukraine kommt Russland seit Monaten kaum voran. Der eigentliche Schauplatz verlagert sich zunehmend in den Luftraum. Russland setzt verstärkt auf ballistische Raketen, die Wohngebiete und zivile Infrastruktur treffen. Die Ukraine wiederum greift mit weitreichenden Drohnen tief ins russische Territorium ein – ein strategisch neues Element dieses Krieges.
Lange betont dabei einen wichtigen Unterschied: Während Russland Wohnblöcke und zivile Ziele beschießt, zielt die Ukraine gezielt auf Ölraffinerien, Verladeterminals und Logistikstrukturen. So steht die Ukraine unter dem Vorwurf, auch den Onlinehändler Wildberries angegriffen zu haben – ein Unternehmen, dessen Logistiknetzwerk laut Lange jedoch nachweislich für den Transport von Drohnenkomponenten und Waffenersatzteilen genutzt wird und damit ein legitimes militärisches Ziel darstellt.
Der Krieg kommt in Russland an
Jahrelang gelang es dem Kreml, die eigene Bevölkerung vom Kriegsgeschehen abzuschirmen. Mobilmachungen fanden vor allem in der Provinz statt, Moskau und Sankt Petersburg wurden weitgehend verschont. Dieses Bild bröckelt nun merklich.
- An rund 70 Prozent der russischen Tankstellen fehlt derzeit Benzin.
- Große Lager von Wildberries wurden durch Drohnenangriffe zerstört – mit spürbaren Folgen für die Versorgung.
- Eine Raffinerie in Moskau ging in Flammen auf.
- Berichten zufolge heben viele Russen Milliarden von ihren Konten ab – aus Angst vor staatlichem Zugriff zur Kriegsfinanzierung.
- Der Chefvolkswirt der russischen Staatsbank wurde entlassen, nachdem er erklärt hatte, Russland könne den Krieg nicht gewinnen.
Lange wertet diese Entwicklungen als Zeichen, dass sowohl westliche Sanktionen als auch die ukrainischen Gegenangriffe langsam Wirkung zeigen. Das Regime bringe abweichende Stimmen zwar sofort zum Schweigen, doch die Risse im System werden sichtbarer. Putin unternimmt seinen Wahlkampf für die anstehenden Parlamentswahlen bezeichnenderweise im fernen Osten Russlands – in Regionen, die für ukrainische Drohnen unerreichbar sind. Lange nennt das ein „absolutes Zeichen der Schwäche”.
Patriot-Raketen: Globaler Mangel bedroht die Ukraine
Ein zentrales Problem für die Ukraine ist die knappe Verfügbarkeit von Abwehrraketen. Präsident Selenskyj bat die USA darum, fünf Prozent ihrer Patriot-Raketen zu verkaufen – ein Zeichen der Not. Denn das globale Ungleichgewicht ist gravierend: Die Produktion der entscheidenden PAC-3-Lenkflugkörper liegt bei rund 620 Stück pro Jahr, während Russland allein etwa 100 ballistische Raketen monatlich produziert.
Europäische Verbündete wie Deutschland und Polen halten ihre Bestände zurück, weil sie die Systeme zur eigenen Verteidigung benötigen. Nach dem Einsatz Hunderter dieser Raketen im Konflikt zwischen den USA und dem Iran am Golf ist der globale Markt zusätzlich leergefegt. Lange plädiert deshalb für einen ergänzenden Ansatz: Statt allein auf Abwehr zu setzen, müsse man die russische Raketenproduktion stören – durch Angriffe auf Fabriken, Treibstofflager und Abschussrampen. Das liege auch im Interesse Europas, denn dieselben Raketen bedrohten langfristig den gesamten Kontinent.
Innenpolitische Lage in der Ukraine: Selenskyj fest im Sattel
Parallel zum Kriegsgeschehen sorgte ein innenpolitischer Konflikt in der Ukraine für Schlagzeilen. Die Ablösung von Verteidigungsminister Fedorow, einem populären Minister mit modernem Image, löste zunächst Proteste aus. Fedorow selbst beförderte sich jedoch mit einem Videostatement ins politische Abseits, in dem er Wahlen forderte – obwohl diese laut ukrainischer Verfassung im Kriegszustand nicht möglich sind. Sein Nachfolger Mada wurde mit überwältigender Mehrheit bestätigt, auch von der Opposition.
Lange rät zur Gelassenheit: Regierungsumbildungen im Krieg seien kein Zeichen von Schwäche, und Selenskyj sitze fest im Sattel. Wahlen werde es erst nach Kriegsende geben – ein Prinzip, das auch in anderen Demokratien im Kriegszustand gelte. Bis dahin, so Lange, müsse die Ukraine in großer Einheit verteidigt werden. Eine russische Generalmobilmachung nach den Scheinwahlen im September hält Lange ebenfalls für unwahrscheinlich – Putin wolle das Desaster der ersten Mobilmachung nicht wiederholen und setze stattdessen auf schrittweise Zwangsrekrutierung.
Die Lage im Ukrainekrieg bleibt dynamisch und vielschichtig. Russland kann den Krieg im Inneren nicht länger vor der eigenen Bevölkerung verbergen, während die Ukraine mit knapper werdenden Abwehrkapazitäten kämpft. Entscheidend wird sein, ob der Westen die Produktionskapazitäten für Abwehrsysteme schnell genug hochfährt – und ob der Druck auf Russlands Kriegswirtschaft stark genug wächst, um den Konflikt mittelfristig zu wenden.
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