Autoindustrie: 175.000 bei IG-Metall-Aktionstag
Bundesweit protestierten 175.000 Beschäftigte gegen Stellenabbau in der Autoindustrie. IG Metall fordert Perspektiven bei VW, Audi und BMW.
Dieses Video wurde am 22.09.2026 von Handelsblatt auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Mit Pfeifen und Trommeln haben am Montag bundesweit rund 175.000 Beschäftigte gegen den massiven Stellenabbau in der deutschen Automobilindustrie protestiert. Die IG Metall hatte unter dem Motto „Zukunft statt Kahlschlag” zu einem Aktionstag aufgerufen, dem mehr als 280 Aktionen bei Autoherstellern und Zulieferern folgten. Betroffen sind Standorte von Konzernen wie Volkswagen, Audi und BMW — Unternehmen, die angesichts sinkender Gewinne und wachsender Konkurrenz aus China unter enormem Druck stehen.
Audi in Neckarsulm: Drei Generationen, eine Botschaft
Besonders eindrücklich waren die Bilder aus Neckarsulm, wo die VW-Tochter Audi einen ihrer wichtigsten deutschen Standorte betreibt. Zahlreiche Beschäftigte beteiligten sich dort am Protest — darunter Mitarbeiter, die seit Jahrzehnten im Werk tätig sind und deren Kinder ebenfalls dort eine Ausbildung absolviert haben oder arbeiten.
„Ich bin seit 30 Jahren bei Audi und habe zwei Kinder, die hier gelernt haben und hier arbeiten”, schilderte ein Betroffener die persönliche Dimension der Krise. „Unsere Opas und Omas haben hier gearbeitet — wir wollen hier weiterarbeiten. Wir wollen Zukunft.” Die Botschaft macht deutlich: Es geht nicht nur um einzelne Arbeitsplätze, sondern um ganze Familienbiografien, die an den Werksstandorten hängen.
Krise der deutschen Autoindustrie: Zahlen und Hintergründe
Die deutschen Autohersteller stecken seit Jahren in einer strukturellen Krise. Mehrere Faktoren verstärken sich gegenseitig:
- Die Gewinne im chinesischen Markt sinken kontinuierlich, weil heimische Hersteller dort immer größere Marktanteile gewinnen.
- Der Umstieg auf Elektroautos verläuft in China deutlich schneller als in Europa, was deutsche Konzerne strukturell benachteiligt.
- Allein im vergangenen Jahr gingen in der Branche rund 50.000 Arbeitsplätze verloren.
- Bei Volkswagen stehen in Deutschland vier Werke auf der Kippe; bis zu 25.000 weitere Stellen sollen in den kommenden Jahren wegfallen.
Auch bei BMW in München fanden am Montag Protestaktionen statt. Die Gewerkschaft machte klar, dass der Druck aus China nicht allein von den Unternehmen bewältigt werden kann.
Forderungen: Volumenmodelle, Schnellgespräche und politische Klarheit
Betriebsräte und Gewerkschaftsvertreter formulierten konkrete Forderungen an Unternehmensführungen und Politik. Am Standort Neckarsulm hieß es, es brauche dringend ein neues Volumenmodell für den Standort sowie „Schnellgespräche mit dem Vorstand” und eine verlässliche Perspektive.
Gleichzeitig richteten sich die Forderungen an die Politik: Angesichts massiver staatlicher Subventionen für chinesische Hersteller sei ein fairer Wettbewerb derzeit nicht gewährleistet. Die Beschäftigten verlangen klare politische Antworten darauf, wie Deutschland und Europa auf diese Wettbewerbsverzerrung reagieren wollen.
Arbeitgeber kritisieren streikähnliche Aktionen
Nicht unwidersprochen blieb der Aktionstag. Der regionale Arbeitgeberverband Nordmetall übte scharfe Kritik am Vorgehen der Gewerkschaft. Solche „streikähnlichen Aktionstage” belasteten die Unternehmen zusätzlich und schwächten die norddeutschen Standorte im ohnehin harten internationalen Wettbewerb weiter, erklärte der Verband.
Die Fronten zwischen Arbeitnehmer- und Arbeitgeberseite sind damit klar abgesteckt. Während die IG Metall öffentlichen Druck als notwendiges Mittel betrachtet, um Standortzusagen zu erzwingen, sehen Arbeitgeber in Protestaktionen ein kontraproduktives Signal an internationale Investoren.
Die Auseinandersetzung um die Zukunft der deutschen Automobilindustrie dürfte damit erst begonnen haben. Ob und wie Hersteller, Gewerkschaften und Politik gemeinsam Lösungen für den Strukturwandel finden, wird in den kommenden Monaten über Zehntausende Arbeitsplätze entscheiden.
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