Staatsanleihen in USA und Japan: Wie gefährlich sind die Renditen?
Staatsanleihen-Renditen in den USA und Japan erreichen Mehrjahreshochs. Was das für Schuldendienst, Hypothekenzinsen und die Finanzmärkte bedeutet – eine Analyse.
Dieses Video wurde am 25.09.2026 von Handelsblatt auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Die Renditen für Staatsanleihen haben in den USA und Japan Stände erreicht, die seit anderthalb bis drei Jahrzehnten nicht mehr zu beobachten waren. In den USA notieren zehnjährige Treasuries bei über 5,2 %, dreißigjährige sogar bei 5,5 % – dem höchsten Stand seit 2014. In Japan ist die Rendite zehnjähriger Staatsanleihen auf 3,1 % gestiegen, ein 30-Jahres-Hoch. Was hinter diesem Anstieg steckt, wer darunter leidet und ob eine neue Finanzkrise droht, erklären Expertinnen und Experten aus New York und Tokio.
Warum die Renditen in den USA so stark steigen
Der Anstieg der US-Renditen ist kein Zufall: Die Federal Reserve hat die Zinsen erneut angehoben, und Marktbeobachter erwarten noch ein bis zwei weitere Erhöhungsschritte in diesem Jahr. Der neue Fed-Vorsitzende Kevin Wharton hat sich in seiner Antrittsrede deutlich falkenhafter gegeben als erwartet und stellt die Bekämpfung der Inflation – die seit fünf Jahren über der Zielmarke von 2 % liegt – klar in den Vordergrund.
Für die US-Regierung wird die Lage zunehmend heikel. Bereits jetzt gibt die Staatskasse mehr für den Schuldendienst aus als für das gesamte Verteidigungsbudget. Die Zinszahlungen könnten 2025 erstmals die Marke von einer Billion Dollar überschreiten – täglich überweist das Finanzministerium rund drei Milliarden Dollar an seine Gläubiger. Das Haushaltsdefizit könnte in diesem Jahr auf eine Rekordsumme von 2,1 Billionen Dollar steigen.
Finanzminister Scott Bessent hat versucht, mit einem milliardenschweren Anleihe-Rückkaufprogramm gegenzusteuern – doch bei einem Markt, der insgesamt rund 30 Billionen Dollar schwer ist, blieb die Wirkung der 6-Milliarden-Dollar-Intervention gering.
Risiken für Immobilienmarkt und Unternehmen
Die steigenden Renditen haben unmittelbare Folgen für die Realwirtschaft:
- Hypothekenzinsen haben die Marke von 7 % überschritten und legen damit viele Bauvorhaben auf Eis.
- Unternehmensanleihen steigen im Gleichschritt mit den Staatsanleihen, was die Refinanzierung besonders für Tech-Konzerne verteuert.
- Firmen, die sich in der Niedrigzinsphase günstig verschuldet haben, müssen sich nun zu deutlich höheren Konditionen refinanzieren.
- Im Private-Credit-Sektor könnten ohnehin schon angeschlagene Unternehmen unter steigenden Zinslasten endgültig in Schwierigkeiten geraten.
- Die Schuldenquote steigt weiter, solange das Wirtschaftswachstum hinter der Neuverschuldung zurückbleibt.
Experten warnen dabei weniger vor dem Niveau der Renditen an sich als vor der Geschwindigkeit des Anstiegs. Der rapide Übergang aus einer jahrzehntelangen Niedrigzinsphase lässt Schuldnern kaum Zeit zur Anpassung.
Japan: Normalisierung nach 30 Jahren Nullzinspolitik
Während die USA mit einem Schuldenstand von rund 120 % des BIP kämpfen, ist Japan mit einer Schuldenquote von 230 % das am höchsten verschuldete Industrieland der Welt. Dennoch galt die Lage lange als beherrschbar – weil japanische Staatsanleihen überwiegend von Inlandsanlegern und der Bank of Japan selbst gehalten werden.
Chefvolkswirt Martin Schulz von Fujitsu in Tokio sieht den aktuellen Renditeanstieg primär als Normalisierung nach einer historisch beispiellosen Null- und Negativzinsphase. Japan habe früh erkannt, wie lange man in einem von Ersparnissen getriebenen Umfeld expansive Geldpolitik betreiben kann, ohne Inflation auszulösen – und dieses Modell über zwei Jahrzehnte genutzt. Nun kehre sich dieser Mechanismus um, angetrieben durch internationale Marktentwicklungen, vor allem aus den USA.
Ein weiterer Faktor sind die Carry Trades: Investoren haben sich in Japan günstig refinanziert und das Kapital in höher verzinste Anlagen in den USA oder Europa investiert. Steigen die japanischen Renditen, wird dieses Modell unattraktiver. Hinzu kommt: Absicherungskosten für US-Anleihen sind zuletzt stark gestiegen, was japanische Investoren zunehmend dazu bewegen könnte, Kapital in die Heimat zurückzuholen.
Ausblick: Neue Normalität oder Vorbote einer Krise?
Für Japan sieht Schulz keine unmittelbar explosive Situation. Die Zinslast der Regierung liege noch unter einem Prozent des BIP, und gestiegene Steuereinnahmen durch höhere Inflation hätten die Lage sogar etwas entspannt. Kritische Schwellenwerte für Staatsanleiherenditen sieht er kaum – anders als beim Wechselkurs, wo die Marke von 160 Yen je Dollar als psychologische Grenze gilt.
In den USA hingegen bleibt das strukturelle Problem bestehen: Steuersenkungen belasten die Einnahmeseite, während der Schuldendienst exponentiell wächst. Mehr als ein Fünftel aller US-Schulden muss alle paar Monate umgeschuldet werden – ein erhebliches Risiko, sollten die Zinsen weiter steigen. Ob die Hoffnung der US-Regierung, durch KI-getriebenes Wirtschaftswachstum das Defizit zu kompensieren, aufgeht, bleibt offen. Klar ist: Eine Rückkehr zur früheren Normalität niedriger Zinsen ist vorerst nicht in Sicht.
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