Emotionen in der Politik: Warum Gefühle Wahlen entscheiden
Politologe Ulrich Eid erklärt, warum Emotionen in der Politik immer mehr Gewicht gewinnen – und welche Rolle Social Media, Komplexität und Influencer dabei spielen.
Dieses Video wurde am 08.10.2026 von ntv Nachrichten auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Emotionen in der Politik gewinnen zunehmend an Bedeutung – auf Kosten rationaler Urteilsbildung. Der Politikwissenschaftler Ulrich Eid erklärt, warum politische Ränder davon profitieren, welche Rolle Social Media und eine immer komplexer werdende Welt spielen und unter welchen Umständen Emotionen sogar legitim und sinnvoll sein können. Entscheidend sei dabei stets, ob Gefühl und Vernunft gemeinsam auftreten oder ob das eine das andere verdrängt.
Politisches Interesse als Schutzfaktor gegen Irrationalität
Ob Wählerinnen und Wähler ihre Entscheidungen vorrangig emotional oder rational treffen, hängt laut Eid vor allem von einem Faktor ab: dem Grad des politischen Interesses. Je weniger jemand politisch informiert und engagiert ist, desto stärker treten Emotionalität und Bauchgefühl in den Vordergrund.
Das sei keine neue Erkenntnis, sondern eine Grundeinsicht der Politikwissenschaft. Dennoch gewinne dieser Zusammenhang in der Gegenwart an Brisanz, weil der Anteil politisch wenig interessierter Bürgerinnen und Bürger, die über soziale Plattformen mit politischen Botschaften in Berührung kommen, deutlich gestiegen sei.
Die Aufklärung habe zwar das Ideal der vernunftgeleiteten Urteilsfähigkeit geprägt. In der Praxis allerdings sei dieses Ideal immer nur dort wirksam, wo Menschen die Zeit, die Bildung und das Interesse mitbrächten, politische Zusammenhänge einzuordnen.
Komplexe Welt und das emotionale Angebot der politischen Ränder
Ein weiterer Treiber des Trends: die wachsende Komplexität gesellschaftlicher Probleme. Je schwieriger es wird, Krisen wie Inflation, Klimawandel oder Migrationsdruck rational zu durchdringen, desto attraktiver werden einfache emotionale Erzählungen.
Gleichzeitig spielen Wahrnehmungen über die politische Mitte eine entscheidende Rolle. Wenn Regierungspolitik primär als Streichung und Kürzung erlebt wird – ohne erkennbare Zukunftsperspektive –, entsteht ein emotionales Vakuum. Parteien an den politischen Rändern füllen dieses Vakuum gezielt:
- Sie signalisieren Verständnis für persönliche Nöte und Ängste.
- Sie versprechen Zugehörigkeit und ein „emotionales Zuhause”.
- Sie präsentieren klare Feindbilder anstelle komplexer Erklärungen.
- Sie nutzen persönliche Ansprache statt abstrakter politischer Programme.
Dieses Muster sei, so Eid, besonders in strukturschwachen Regionen beobachtbar, wo das Vertrauen in etablierte Parteien besonders stark geschwunden ist.
Influencer als politische Akteure – zwischen Kommerz und Überzeugung
Eine besondere Gefahr sieht der Politologe in der Rolle sogenannter Influencerinnen und Influencer. Ihre Wirkung entfalte sich oft niedrigschwellig: Zunächst sprechen sie ihr Publikum mit unpolitischen Alltagsthemen an, transportieren dabei jedoch subkutan politische Haltungen und Weltbilder.
Dahinter stünden häufig auch kommerzielle Interessen, die mit bestimmten politischen Vorstellungen verknüpft seien. Eid vermeidet zwar das Wort Manipulation, beschreibt das Phänomen jedoch als eine Form politischer Werbung, die bewusst nicht rational, sondern emotional funktioniert – und damit besonders schwer zu durchschauen ist.
Die Gefahr bestehe nicht darin, dass Menschen Gefühle hätten, sondern dass politische Akteure und kommerzielle Plattformen diese Gefühle gezielt instrumentalisierten, ohne dass das Publikum dies als politische Einflussnahme wahrnehme.
Wann Emotionen in der Politik ihren Sinn haben
Emotionen seien nicht per se schädlich für die Demokratie, betont Eid – im Gegenteil. Ein demokratischer Vorzug emotionaler Politik liege darin, dass sie Bildung und Intelligenz nivelliert: Gefühle sind für alle zugänglich, unabhängig davon, ob jemand Philosophieprofessor oder ungelernter Arbeiter ist.
Als historisches Positiv-Beispiel verweist Eid auf den Kniefall von Willy Brandt in Warschau 1970. Dieser habe ein tiefes Gefühl – Reue, Demut, Versöhnung – in ein eindringliches Bild verwandelt. Entscheidend aber: Hinter dieser Geste stand eine rationale, durchdachte politische Entscheidung, sich der eigenen Vergangenheit zu stellen.
Wenn Emotion und Vernunft so zusammenwirken, entsteht politische Kommunikation, die wirkungsvoll und ehrlich zugleich ist. Die eigentliche Gefahr liegt nicht in Gefühlen selbst, sondern im Verdrängen des rationalen Kerns – und in seiner gezielten Substitution durch politische Irrationalität.
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