MSCI World: Warum der ETF so amerikanisch ist wie nie
Der MSCI World steckt zu 75 % in US-Aktien – ein historischer Rekord. Was das für Anleger bedeutet und welche Alternativen es gibt, lesen Sie hier.
Dieses Video wurde am 09.10.2026 von WELT Nachrichtensender auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Der MSCI World gilt als der Welt-ETF schlechthin – doch wer genauer hinschaut, findet darin vor allem eines: Amerika. Der US-Anteil im iShares MSCI World ETF ist auf 75,02 Prozent gestiegen, ein historischer Höchststand. Zum Vergleich: 1997 lag er noch bei 44 Prozent. Was steckt hinter dieser Verschiebung, was kritisiert ETF-Experte Gert Kommer daran – und welche Aktien kaufen deutsche Privatanleger gerade?
MSCI World: Mehr KI-Wette als Welt-Portfolio
Der Name klingt nach globaler Streuung, doch die Realität sieht anders aus. Nach den USA folgt Japan mit lediglich 5,87 Prozent, Deutschland kommt auf magere 1,99 Prozent. Zum Vergleich: Nvidia allein macht 5,98 Prozent des Index aus – ein einziger Chipkonzern wiegt damit dreimal so viel wie die gesamte deutsche Börse.
Halbleiter sind mit gut 15 Prozent die größte Branche im Index. Wer einen MSCI World im Depot hat, hält damit automatisch eine beachtliche KI-Wette – ob gewollt oder nicht. Auch die erste nicht-US-amerikanische Aktie, der niederländische Chiphersteller ASML, taucht erst auf Platz 15 auf.
Diese Konzentration hat sich in den vergangenen Jahren durch den Aufstieg großer Tech-Konzerne weiter verschärft. Der Boom rund um künstliche Intelligenz hat US-Werte wie Nvidia, Microsoft und Apple massiv nach oben getrieben und damit den Index strukturell verändert.
Gert Kommers Kritik: Überinvestition und Klumpenrisiko
Finanzexperte und ETF-Kritiker Gert Kommer hält die aktuelle Gewichtung für „risikomäßig ungesund”. Bereits 2023, als der US-Anteil bei 67 Prozent lag, warnte er vor einer Überinvestition. Seitdem sind noch einmal acht Prozentpunkte hinzugekommen.
Kommers These: Im KI-Boom werde massiv überinvestiert. Nicht alle Rechenzentrumsbetreiber und nicht alle KI-Modellanbieter würden langfristig überleben. Er verweist darauf, dass der US-Markt historisch nicht systematisch rentabler sei als andere relevante Aktienmärkte – und nennt als Beispiel Dänemark, dessen MSCI-Index seit 1970 rund 10 Prozent pro Jahr erzielt hat gegenüber 9,1 Prozent für den MSCI USA.
Allerdings hat das Dänemark-Beispiel eine Schwäche: Der Index wird stark von Novo Nordisk dominiert. Seit dem Kursabsturz hat sich der Index vom Hoch fast halbiert – ein klassisches Klumpenrisiko, das Kommer selbst einräumt. Mit seinem eigenen ETF, dem L&G Multifactor ETF, setzt er auf nur 49,2 Prozent US-Anteil. Seit dem Start im Juni 2023 liegt der MSCI World mit 73 zu 65 Prozent Zuwachs jedoch klar vorn.
Alternativen für Anleger: Allworld statt reinem MSCI World
Was bedeutet das konkret für das eigene Depot? Experten raten von einem überstürzten Verkauf des MSCI World ab – sofort fiele Abgeltungssteuer an, und Anleger starten mit weniger Kapital neu. Sinnvoller: den bestehenden ETF stilllegen und neue Sparraten in einen breiter gestreuten Index fließen lassen.
Wer den US-Anteil senken möchte, findet mehrere Alternativen:
- SPDR MSCI ACWI IMI: ca. 64 % USA-Anteil
- Invesco FTSE All-World: ca. 63,8 % USA-Anteil
- Vanguard FTSE Global All Cap: ca. 63 % USA-Anteil
- L&G Multifactor ETF (Kommer): ca. 49 % USA-Anteil, Kosten 0,50 % p.a.
Selbst das Chief Investment Office der UBS, das fest an die KI-Story glaubt, empfiehlt derzeit eine breitere Streuung, um nicht von einer kleinen Gruppe von Marktführern abhängig zu sein.
Aktienfavoriten der Deutschen: KI dominiert, Europa fehlt
Eine Umfrage unter deutschen Brokern – darunter Consorsbank, DKB, Smartbroker Plus und Trade Republic – zeigt, worauf Privatanleger im dritten Quartal gesetzt haben. Das Ergebnis ist eindeutig: KI-Aktien dominieren, europäische Werte fehlen weitgehend.
Frühere Klassiker wie Novo Nordisk, LVMH oder Nestlé tauchen in den Rankings kaum noch auf. Stattdessen führt Nvidia die Liste an – trotz einer Rekordbewertung von rund 5,7 Billionen Dollar. Der Chipdesigner erzielte in den vergangenen zwölf Monaten fast 193 Milliarden Dollar Nettogewinn, mehr als alle 40 DAX-Konzerne zusammen.
Weitere Favoriten der deutschen Anleger:
- Siemens Energy (Platz 3): Liefert Energieinfrastruktur für Rechenzentren
- Speicherchip-Spezialisten wie Micron und SK Hynix
- Halbleiterunternehmen wie AMD, Intel und Infineon
- Rheinmetall: trotz 40 % Kursverlust weiter stark gehandelt
- SpaceX: nach dem Börsengang ein überraschender Aufsteiger
Bemerkenswert: Tesla sucht man in den Favoritenlisten vergebens, ebenso wie Microsoft, Amazon oder Meta. Die deutschen Privatanleger setzen stark konzentriert auf wenige Megathemen – KI und Raumfahrt – und verzichten dabei fast vollständig auf Dividendenwerte oder europäische Substanzaktien.
Für Anleger bleibt die entscheidende Frage: Würde man die eigene Strategie auch dann durchhalten, wenn Amerika fünf Jahre lang hinterher läuft? Wer das verneint, trägt mehr Risiko im Depot, als der Name „Welt-ETF” vermuten lässt – und sollte die eigene Aufstellung kritisch prüfen.
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