Altersvorsorgedepot: Revolution oder Riester 2.0?
Das neue Altersvorsorgedepot startet am 1. Januar 2027 – was sich wirklich ändert, wo die Risiken liegen und welche Strategie sich für Sparer lohnt.
Dieses Video wurde am 11.10.2026 von WELT Nachrichtensender auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Das Altersvorsorgedepot (AVD) soll ab dem 1. Januar 2027 die private Altersvorsorge in Deutschland grundlegend erneuern. Weniger Garantiezwang, mehr Kapitalmarkt, niedrigere Kosten und staatliche Förderung – das sind die zentralen Versprechen der Reform. Ob daraus eine echte Revolution wird oder bloß ein überarbeitetes Riester-Konstrukt, darüber stritten auf dem „Alles auf Aktien Summit” fünf Schlüsselfiguren der Branche: ein Staatssekretär, ein Ex-Parlamentarier, eine Neobroker-CFO, ein Direktbank-Chef und Deutschlands bekanntester Finanzverbraucherschützer.
Was das Altersvorsorgedepot besser machen soll als Riester
Die Schwächen von Riester sind bekannt: zu hohe Kosten, zu komplexe Förderstruktur, ein starrer Garantiezwang und massive Fehlanreize im Vertrieb. Genau an diesen Punkten setzt das neue Produkt an.
- Garantiezwang entfällt: Anleger können zwischen 0 %, 80 % und 100 % Garantie wählen.
- Kostendeckel von 1 %: Jeder Anbieter muss ein standardisiertes Produkt mit dieser Kostenobergrenze bereitstellen.
- Einfachere Förderung: Der Staat zahlt bis zu 540 Euro jährlich dazu; kleinere Einkommen profitieren überproportional.
- Freier Abschluss ohne Beratung: Online-Anbieter können das Depot ohne Filialbesuch und damit deutlich günstiger anbieten.
- Riester-Übertragung möglich: Bestehende Riester-Verträge lassen sich mit wenigen Angaben in ein AVD überführen.
Steffen Meierer, Staatssekretär im Bundesfinanzministerium, betont, dass der Kostendeckel nur die Obergrenze markiert: Online-Angebote ohne Beratung werden voraussichtlich weit darunter liegen. Zugleich kündigt die Bundesregierung eine umfassende Evaluierung für 2031 an, um bei Fehlentwicklungen nachsteuern zu können.
Verbraucherschutz: Skepsis beim Kleingedruckten
Nils Nauhauser von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg begrüßt die Reform im Grundsatz, warnt aber vor voreiligem Optimismus. Kein einziger Vertrag sei bislang öffentlich einsehbar – und im Kleingedruckten verberge sich erfahrungsgemäß viel.
Konkret offene Fragen: Welche Fonds stehen tatsächlich zur Auswahl? Wie gestaltet sich die Auszahlungsphase? Was passiert, wenn ein ETF in eine höhere Risikoklasse rutscht und der Anbieter ihn austauschen muss? Nauhauser kritisiert zudem bereits erste Lockangebote am Markt, bei denen günstige Einstiegskonditionen später durch Preiserhöhungen abgelöst werden könnten.
Sein Kernargument: Wer über Banken oder Sparkassen beraten wird, bekommt weiterhin Produkte mit höheren Provisionen empfohlen – am Strukturproblem des provisionsgetriebenen Vertriebs ändert das Standarddepot zunächst nichts. Als Lösung fordert er ein staatliches Standarddepot, etwa bei der Bundesbank, das als Anker ohne Fehlanreize funktioniert. Er verweist auf Schweden, wo der staatliche Fonds mittlerweile bei sechs bis sieben Basispunkten Jahreskosten liegt – ein Niveau, das Deutschland bei ausreichend Volumen ebenfalls erreichen könnte.
Direktbanken und Neobroker: Wer gewinnt das Vertrauen?
Sven Deglo, Vorstandschef der DKB mit 5,5 Millionen Kunden, setzt beim AVD auf ein klares Standardprodukt bestehend aus ETFs auf Aktien und Anleihen. Die Depoteröffnung soll in weniger als zehn Minuten möglich sein. Gleichzeitig mahnt er zur Vorsicht beim Preiskampf: Qualität und langfristiges Vertrauen hätten ihren Preis – ein Altersvorsorgeprodukt über Jahrzehnte brauche eine stabile Marke hinter sich.
Barbara Edelmann, CFO des Neobrokers Bitpanda mit acht Millionen Kunden in Europa, sieht das AVD vor allem als Türöffner für jüngere Anleger, die ihr gesamtes Leben bereits digital abbilden. Das Produkt schaffe Klarheit und Vergleichbarkeit für Erstinvestoren. Bitpanda selbst hat noch kein eigenes AVD-Produkt angekündigt, beobachtet den Markt aber intensiv und will über den Podcast zuerst informieren.
Florian Toncar, früher parlamentarischer Staatssekretär im Finanzministerium und heute bei der Deutschen Vermögensberatung (DVAG), plädiert für das Beratungsmodell: Viele Sparer bräuchten emotionale Bestärkung und persönliche Erklärung – passive Information allein reiche nicht. Er betont jedoch, dass ein breites Produktangebot Voraussetzung sei, um wirklich alle Kundengruppen bedienen zu können.
Lohnt sich das AVD – und für wen?
Die Fördersystematik macht das AVD für die meisten Sparer rechnerisch attraktiv: Selbst wer den Vertrag förderschädlich kündigt, steht unter dem Strich oft besser da als ohne Fördermantel. Wer dagegen bereits selbstständig mit einem ETF-Depot vorsorgt, muss genau prüfen, ob der Fördervorteil die eingeschränktere Flexibilität des AVD aufwiegt.
Wichtig: Der 1. Januar 2027 ist kein Stichtag, der Druck erzeugt. Wer im Dezember startet, erhält noch die volle Jahresförderung. Wer ein Jahr wartet, verliert lediglich die Förderung eines einzigen Jahres. Auch der Wechsel aus bestehenden Riester-Verträgen empfiehlt sich nicht pauschal – Laufzeit, erhaltene Zulagen und Produkttyp sind individuell zu bewerten.
Die entscheidende Nagelprobe steht noch aus: Wie viele Menschen, die bislang gar nicht vorsorgen, werden das AVD tatsächlich nutzen? Und werden Neobroker das Vertrauen aufbauen, das eine jahrzehntelange Altersvorsorge verlangt? Die Antworten dürften sich in den ersten Monaten nach dem Start zeigen.
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