Dieses Video wurde am 21.08.2026 von WELT Nachrichtensender auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Zum 80. Geburtstag von Publizist Henryk M. Broder erscheint sein Klassiker „Der ewige Antisemit” in einer Neuauflage – und das Buch ist aktueller denn je. Im Gespräch mit dem WELT Nachrichtensender analysiert Broder, wie sich Antisemitismus in den vergangenen vier Jahrzehnten verändert hat: von einem primär deutschen Problem zu einer globalen Bewegung, die aus drei Richtungen gleichzeitig gespeist wird – von rechts, von links und aus dem islamischen Milieu.
Antisemitismus als globales Phänomen
Als Broders Buch vor 40 Jahren erstmals erschien, stand der deutsche Antisemitismus im Mittelpunkt der Debatte. Die Erklärung lautete damals: unbewältigte Vergangenheit, der Holocaust, die spezifisch deutsche Schuld. Diese Deutung hält Broder heute für überholt.
„Antisemitismus ist ein globales Virus”, stellt er nüchtern fest. Die Bewegung existiere auf allen Kontinenten, unabhängig von nationalgeschichtlichen Erfahrungen. Besonders frappierend sei dabei, dass trotz enormer Gegenmaßnahmen keine Eindämmung gelingt – ein Befund, der selbst ausgewiesene Experten in „ahnungsloses Staunen” versetze.
Broder liefert dazu eine pointierte Erklärung: Juden hätten das Christentum, die Psychoanalyse, die Relativitätstheorie, den Kapitalismus und den Sozialismus hervorgebracht – „so ein Volk kann man doch nicht mögen”, sagt er ironisch. Dahinter steckt ein ernster Gedanke: Der Hass richte sich oft gerade gegen das, was als besonders einflussreich oder erfolgreich wahrgenommen wird.
Islamischer Antisemitismus als größtes Problem
Die entscheidende Verschiebung der vergangenen Jahrzehnte sieht Broder im islamischen Antisemitismus – wohlgemerkt nicht nur im islamistischen, sondern im islamischen insgesamt. Die oft bemühte Trennung zwischen Islam und Islamismus bezeichnet er als „genauso willkürlich und absurd wie die Trennung zwischen Alkohol und Alkoholismus”.
Dieser Antisemitismus sei nicht neu – in islamisch geprägten Ländern sei er Routine gewesen. Neu sei jedoch, dass er durch Migration nach Deutschland importiert worden sei und als Brandverstärker wirke: Er habe den Antisemitismus nicht erfunden, aber massiv verstärkt.
- Vor 40 Jahren: Debatte, ob es linken Antisemitismus geben kann
- Heute: Debatte um die Rolle des islamischen Antisemitismus
- Konsens damals: „Linke sind von Natur aus die guten Menschen” – Antisemitismus daher ausgeschlossen
- Realität heute: Antisemitismus ist in allen politischen Lagern nachweisbar
Warum administrative Gegenmaßnahmen versagen
Deutschland reagiert auf das Problem vor allem mit Antisemitismusbeauftragten: in jedem Bundesland, auf Bundesebene, an Universitäten, Hochschulen, bei Staatsanwaltschaften und in Bildungseinrichtungen. Broder hält diesen bürokratischen Ansatz für symptomatisch – und für wirkungslos.
„Immer mehr Leute bekämpfen den Antisemitismus – und die Folge ist, der Antisemitismus wird umso stärker”, fasst er die paradoxe Situation zusammen. Auch KZ-Gedenkstättenbesuche für Schülerinnen und Schüler zeitigten nicht den gewünschten Effekt. Untersuchungen zeigten, dass manche Kinder nach solchen Reisen sogar stärkere antisemitische Einstellungen aufwiesen als zuvor – weil die Konfrontation mit den Verbrechen in manchen Köpfen die Frage aufwerfe, ob die Verfolgung „wirklich ohne Grund” gewesen sei.
Hinzu komme ein Problem bei der Kriminalstatistik: Antisemitische Vorfälle, deren Urheber nicht ermittelt werden könnten, würden automatisch dem rechten Spektrum zugeordnet – auch dann, wenn die Täter erkennbar aus anderen Milieus stammten. Damit werde das Lagebild systematisch verzerrt.
Sprache als Symptom: „Jüdisches Leben gehört zu Berlin”
Besonders aufschlussreich ist Broders sprachliche Analyse politischer Slogans. Die Parole „Jüdisches Leben gehört zu Berlin” empfindet er als tendenziell antisemitisch – nicht trotz ihrer gutgemeinten Absicht, sondern wegen ihr. Keine vergleichbare Parole existiere für protestantisches oder katholisches Leben. Allein die Notwendigkeit, das Existenzrecht einer Gruppe eigens zu betonen, signalisiere, dass dieses Recht als zweifelhaft gilt.
Dasselbe gelte für Israel: Es sei das einzige Land der Welt, über dessen Recht auf staatliche Existenz permanent debattiert werde – ein Befund, der Broder zufolge bereits für sich genommen beunruhigend ist.
Mit 80 Jahren und einem Lebenswerk, das den Antisemitismus früh analysiert hat, zieht Broder ein ernüchterndes Fazit: „Ich habe es kommen sehen – nicht in dieser Dimension, aber ich habe es kommen sehen.” Seine größte Sorge gilt heute nicht sich selbst, sondern der nächsten Generation – seinen Enkeln und den Kindern anderer Menschen, die in einer Gesellschaft aufwachsen, in der Judenhass wieder sichtbar und laut geworden ist.
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