Deutschlands Digitalminister: „Das Rennen ist noch nicht gelaufen”
Digitalminister Karsten Wildberger zieht Bilanz nach einem Jahr im Amt: Deutschland-Stack, KI-Fabriken und eine Europa-Kooperation mit Estland stehen im Fokus.
Dieses Video wurde am 11.10.2026 von Handelsblatt auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Ein Jahr nach seinem Amtsantritt zieht Digitalminister Karsten Wildberger eine gemischte, aber optimistische Bilanz. Die Digitalisierung Deutschlands mache Fortschritte – beim Deutschland-Stack, der digitalen Verwaltung und dem Einsatz von Künstlicher Intelligenz. Gleichzeitig räumt der Minister ein: Der Abbau von Bürokratie und die Umsetzung großer Reformen sind schwerer als gedacht. Beim Handelsblatt-Forum erläuterte Wildberger seine Strategie – und unterzeichnete ein Memorandum of Understanding mit Estland.
Digitale Verwaltung: Was sich bereits verändert hat
Wildberger verweist auf konkrete Fortschritte: Inzwischen können 60 Millionen Menschen ihre Adresse digital ummelden – vor nicht allzu langer Zeit waren es noch 30 Millionen. Im vergangenen Monat wurden 120 neue Kommunen an digitale Verwaltungslösungen angeschlossen. Auf der KI-Plattform „Keepit” arbeiten Behörden bereits mit 50 verschiedenen Anwendungsfällen; bis Ende des Jahres soll die Nutzerzahl auf 200.000 steigen.
Ein generatives KI-System für Infrastrukturaufgaben ist bereits in Hamburg, Nordrhein-Westfalen und Mecklenburg-Vorpommern im Einsatz – etwa zur Optimierung von Stromnetzen. Wildberger betont: „Das ist nicht politisches Gerede, das passiert bereits.”
Dennoch gibt der Minister zu, dass die Diskrepanz zwischen medialer Wahrnehmung und der tatsächlichen Lage im System groß ist. Die durchschnittliche Bürgerin und der durchschnittliche Bürger haben pro Jahr lediglich 1,5 Kontakte mit dem Staat – digitale Verbesserungen allein reichten daher nicht aus, um das allgemeine Zufriedenheitsgefühl zu heben.
Deutschland-Stack und KI-Gigafabriken als strategische Infrastruktur
Der Deutschland-Stack – eine souveräne digitale Infrastruktur für Bund, Länder und Kommunen – ist das Herzstück der Strategie. Wildberger gab bekannt, dass zwei Konsortien die Plattform aufbauen werden:
- SAP und Telekom gemeinsam mit Startups und kleineren Unternehmen
- Schwarz Digits mit weiteren Partnern
Parallel dazu treibt der Minister den Aufbau von KI-Rechenzentren voran. Deutschland brauche massiv mehr Rechenkapazität, so Wildberger – nicht nur für staatliche Projekte, sondern auch weil darin ein tragfähiges Geschäftsmodell für private Unternehmen liege. Als Beispiel lobt er die Schwarz-Gruppe, die trotz fehlendem Business Case elf Milliarden Euro investiert habe.
Zur Frage eines europäischen Frontier-Modells für große Sprachmodelle äußert sich Wildberger offen, aber differenziert: Ein solches Vorhaben müsse langfristig selbsttragend und kommerziell lebensfähig sein. Staatliche Anschubfinanzierung sei denkbar – er vergleicht den Aufwand mit dem Kauf eines einzigen U-Boots für drei Milliarden Euro. Die Kooperation mit dem kanadischen Unternehmen Cohere und dem deutschen KI-Spezialisten Aleph Alpha sieht er als ersten Schritt in diese Richtung.
Bürokratieabbau: Alle fühlen sich zuständig, keiner ist verantwortlich
Als größte Hürde der vergangenen zwölf Monate nennt Wildberger den Bürokratieabbau. Das Grundproblem beschreibt er prägnant: „Alle fühlen sich zuständig, aber niemand ist verantwortlich.” An Runden Tischen säßen acht verschiedene Parteien, jede mit eigenem Ministeriums-Eigeninteresse.
Hinzu kommen EU-Vorgaben, die zunächst national umgesetzt werden müssen, bevor eigene Reformen greifen können. Dennoch zeigt sich Wildberger überzeugt, dass Bewegung in das System kommt – auch wenn sie sich noch nicht anfühle wie echte Veränderung.
Einen konkreten Zeitplan für die Deutschland-App – ein intelligentes, KI-gestütztes Portal, das Verwaltungsleistungen von Bund, Ländern und Kommunen bündelt – wollte der Minister nicht nennen. Die App soll personalisierbar sein und sich je nach Standort und Anliegen anpassen. Mehrere Kommunen testen sie bereits.
Kooperation mit Estland: Digitale Verwaltung lernt von Europas Vorreiter
Ein besonderes Signal setzte Wildberger mit der Unterzeichnung eines Memorandum of Understanding mit Estland. Die estnische Ministerin Lisa Pakosta betonte, dass digitale Verwaltung vor allem eine Frage des Mindsets sei – also des Vertrauens der Bürger in staatliche Datensysteme.
Estland gilt seit 1991 als weltweiter Vorreiter in der digitalen Staatsorganisation. Die Zusammenarbeit mit Deutschland umfasst bereits heute mehrere Bereiche – von Sicherheitsarchitektur bis zu Design-Standards. Ehemaliger estnischer CTO arbeitet inzwischen im deutschen Projektteam für den Deutschland-Stack.
Wildberger sieht in der Partnerschaft ein Modell für den europäischen Weg: offen für alle EU-Staaten, aber mit Priorität auf Tempo. „Lass uns nicht den Menschen im Weg stehen, die großartige Dinge tun wollen”, lautet sein Credo. Ob beim KI-Modell, der Verwaltungsdigitalisierung oder der souveränen Cloud-Infrastruktur – für den Digitalminister ist das Rennen um Deutschlands digitale Zukunft trotz aller Rückschläge noch längst nicht entschieden.
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