Dieses Video wurde am 19.08.2026 von Handelsblatt auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Die anhaltende Hitze und Trockenheit des Sommers 2026 trifft die deutsche Landwirtschaft hart. Joachim Ruck, Präsident des Deutschen Bauernverbandes, warnt vor einer akuten Liquiditätskrise in zahlreichen Betrieben und spricht von einer „brutal angespannten ökonomischen Situation”. Die Ernteausfälle in der Landwirtschaft bedrohen nach seiner Einschätzung nicht nur einzelne Höfe, sondern die Ernährungssicherheit Deutschlands insgesamt. Ruck fordert von der Bundesregierung schnelle und entschlossene Soforthilfen – und zieht dabei einen direkten Vergleich zur Verteidigungspolitik.
Ernteausfälle 2026: Ausmaß und regionale Unterschiede
Der Deutsche Bauernverband geht für 2026 von einer Getreideernte von rund 41,9 Millionen Tonnen aus – etwa sieben Prozent weniger als im Vorjahr. Dabei zeigt sich ein deutliches Nord-Süd-Gefälle: Während Schleswig-Holstein und Teile Nord- und Ostdeutschlands nahezu auf Vorjahresniveau liegen, drohen in Bayern und Baden-Württemberg Einbußen beim Getreide von bis zu 20 Prozent.
Besonders betroffen ist der Körnermais, der in manchen Regionen komplett zu verdorren droht. Auch Grünland und Silomais im Süden verzeichnen erhebliche Trockenschäden. Erst spät einsetzende Regenfälle können laut Ruck allenfalls bei Zuckerrüben, Spätkartoffeln und Spätgemüse noch helfen – bei Getreide und Raps hingegen ist die Ernte bereits abgeschlossen.
Liquiditätskrise: Betriebe sterben „still und leise”
Die wirtschaftliche Lage der Landwirte ist nach drei aufeinanderfolgenden Jahren mit niedrigen Erzeugerpreisen und unterdurchschnittlichen Ernten angespannt wie selten zuvor. Gleichzeitig sind die Betriebskosten massiv gestiegen:
- Deutlich höhere Energiekosten, insbesondere beim Agrardiesel
- Gestiegene Preise für Düngemittel und Pflanzenschutzmittel
- Höhere Lohnkosten durch den gestiegenen Mindestlohn
- Zunehmende bürokratische Belastungen auf EU- und Bundesebene
Viele Betriebe könnten laut Ruck die nächste Ernte kaum noch vorfinanzieren. Bodenbearbeitung, Herbstaussaat und Düngung erforderten Liquidität, die schlicht fehle. Das Sofortdarlehen der landwirtschaftlichen Rentenbank werde bereits stark in Anspruch genommen, manche Landwirte stellten sogar ihre Lebensversicherungen als Sicherheit zur Verfügung.
Anders als Insolvenzen von Industrieunternehmen verlaufe das Betriebssterben in der Landwirtschaft unauffällig: Flächen werden von anderen übernommen, das Restvermögen aufgebraucht – und die landwirtschaftliche Produktion endet, ohne dass die Öffentlichkeit es wahrnimmt.
Forderungen an die Bundesregierung
Ruck drängt auf unmittelbares Handeln der Politik. Konkret fordert der Bauernpräsident:
- Aufstockung der EU-Dürrehilfe von 60 auf 180 Millionen Euro für Deutschland
- Auszahlung der Mittel über die Berufsgenossenschaft bis zum 15. September
- Vorzeitige Auszahlung von 80 Prozent der EU-Direktzahlungen bereits im Oktober statt Ende Dezember
- Befristete Senkung der Steuer auf Agrardiesel bis mindestens Ende November
Landwirtschaftsminister Alois Rainer habe zwar Unterstützung signalisiert, doch reichten die bisherigen Maßnahmen nicht aus. „Die Bundesregierung muss jetzt liefern”, betonte Ruck. Weitere Proteste wie die Traktordemonstrationen der vergangenen Jahre schloss er nicht aus, wenn die Politik nicht ausreichend reagiere.
Ernährungssicherheit als strategische Aufgabe
Ruck ordnet die Krise in einen größeren geopolitischen Rahmen ein: Die Lebensmittelversorgung sei kritische Infrastruktur – genauso wichtig wie Energieversorgung oder Verteidigungsfähigkeit. Die COVID-19-Pandemie habe die Fragilität globaler Lieferketten offenbart, die angespannte Lage rund um die Straße von Hormus zeige dies erneut.
Das geplante Mercosur-Abkommen sieht der Bauernverband in seinem Agrarteil kritisch: Solange nicht sichergestellt sei, dass Lebensmittel aus Südamerika denselben Standards entsprechen müssen wie europäische Produkte, lehne man die Agrarkomponente des Handelsabkommens ab.
Zum Klimawandel äußerte sich Ruck eindeutig: Längere Hitze- und Trockenperioden sowie veränderte Vegetationsrhythmen seien in seiner eigenen landwirtschaftlichen Praxis seit rund 30 Jahren spürbar – und die Ausschläge würden in den vergangenen 15 bis 20 Jahren deutlich stärker. Die Politik müsse deshalb auch strukturell reagieren, etwa durch eine steuerfreie Risikoausgleichsrücklage für landwirtschaftliche Betriebe, die im Koalitionsvertrag vereinbart, aber noch nicht umgesetzt sei.
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