Dieses Video wurde am 20.08.2026 von WELT Nachrichtensender auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Die Schuldenquoten der Industriestaaten befinden sich auf einem historischen Höchststand – und die Risiken für das globale Finanzsystem wachsen. LBBW-Chefvolkswirt Moritz Krämer, ehemaliger Verantwortlicher für weltweite Länder-Ratings bei der Ratingagentur S&P, warnt eindringlich vor einer drohenden Staatsschuldenkrise mit globalem Ausmaß. Gleichzeitig treibt die Eskalation im Nahen Osten den Ölpreis auf ein Vier-Wochen-Hoch, was Inflations- und Zinssorgen an den Märkten weiter schürt und den DAX unter die Marke von 26.000 Punkten drückt.
Schuldenquoten auf historischem Rekordniveau
Die Verschuldung der entwickelten Welt hat sich seit der Finanzkrise 2007/2008 dramatisch ausgeweitet. Während die Schuldenquoten vor der Finanzkrise noch zwischen 60 und 70 Prozent des Bruttoinlandsprodukts lagen, sind sie inzwischen auf rund 110 Prozent des BIP gestiegen – Tendenz weiter steigend.
Krämer betont, dass es weder in Washington, Paris, Berlin noch in Tokio ernsthafte Anzeichen für eine Haushaltskonsolidierung gibt. Diese mangelnde Haushaltsdisziplin macht Anleger zunehmend nervös. Als symptomatisches Zeichen für das schwindende Vertrauen in staatliche Finanzen wertet der Ökonom den jüngsten Anstieg von Bitcoin über die Marke von 70.000 US-Dollar: Investoren suchen gezielt Alternativen zu staatlichen Zahlungsmitteln und Anleihen.
Deutschland steht im internationalen Vergleich noch verhältnismäßig gut da. Mit einer Schuldenquote von knapp unter 70 Prozent des BIP zählt die Bundesrepublik zu den weniger gefährdeten Volkswirtschaften – doch auch hier sind die Renditen zehnjähriger Staatsanleihen auf den höchsten Stand seit 2011 geklettert.
US-Finanzministerium kauft Anleihen zurück – nur Symptombekämpfung?
Das US-Finanzministerium hat angekündigt, das Volumen der Rückkäufe langlaufender Anleihen auf mindestens 4 Milliarden Dollar pro Transaktion zu verdoppeln. Die Maßnahme sorgte kurzfristig für eine Beruhigung an den Anleihemärkten, doch Krämer bewertet sie skeptisch.
Für den Ökonomen handelt es sich dabei lediglich um ein „Herumdoktoren an den Symptomen”. Das eigentliche Problem – strukturell hohe Defizite von rund 7 Prozent des BIP in den USA und ein gefährlich hohes Rollover-Risiko durch kurzlaufende Staatsschulden – bleibe ungelöst. Die USA haben bereits jetzt die im G20-Vergleich kürzeste durchschnittliche Laufzeit ihrer Staatsschulden. Sollte das Vertrauen der Anleger in US-Staatsanleihen weiter bröckeln, wäre ein rascher Refinanzierungsdruck kaum abzuwenden.
- US-Haushaltsdefizit: rund 7 % des Sozialprodukts
- Schuldenquote der Industriestaaten: durchschnittlich ~110 % des BIP
- Renditen zehnjähriger US-Anleihen: nahe Jahrzehnte-Hochs
- Rückkaufvolumen langlaufender US-Anleihen: mindestens 4 Mrd. Dollar pro Transaktion
- Deutsche Schuldenquote: knapp unter 70 % des BIP
Fed unter Druck: Quantitative Easing trotz Widerstand?
Auch die US-Notenbank Fed gerät zunehmend ins Blickfeld. Der neue Fed-Chef Kevin Warsh gilt als ausgesprochener Gegner des sogenannten Quantitative Easing – also des massenhaften Aufkaufs von Staatsanleihen durch die Zentralbank. Doch Krämer ist überzeugt: Im Ernstfall bleibt der Fed kaum eine andere Wahl.
Sollte das Vertrauen in US-Staatsanleihen ernsthaft zu bröckeln beginnen, drohe eine Finanzkrise, deren Ausmaß die Krise von 2007/2008 wie „einen Spaziergang im Park” aussehen lassen würde – so die deutliche Einschätzung des LBBW-Chefvolkswirts. Eine solche Krise hätte globale Auswirkungen auf Aktienmärkte, Immobilienkredite und Unternehmensfinanzierungen.
Naher Osten, Bitcoin und der Druck auf die Märkte
Zusätzlichen Druck erzeugt die geopolitische Lage im Nahen Osten. Die Spannungen zwischen den USA und dem Iran haben den Ölpreis auf knapp unter 94 US-Dollar pro Barrel getrieben – das höchste Niveau seit fast vier Wochen. US-Präsident Trump drohte Ländern, die dem Iran wirtschaftlich beistehen, mit massiven wirtschaftlichen Konsequenzen. Besonders China als größter Handelspartner des Iran steht im Fokus dieser Drohungen.
Parallel dazu stieg Bitcoin nach der Ankündigung des US-Finanzministeriums sprunghaft über 70.000 Dollar – begleitet von Anstiegen bei Gold und Silber. Verstärkend wirkt Trumps Vorstoß, den US-Kongress zur Verabschiedung eines umfassenden Kryptogesetzes zu bewegen. Ein solches Gesetz, das für Rechtssicherheit im Kryptosektor sorgen soll, steht bisher noch aus.
Die Gemengelage aus steigenden Zinsen, rekordhohen Staatsschulden und geopolitischen Spannungen dürfte die Nervosität an den globalen Finanzmärkten vorerst aufrechterhalten. Ob Regierungen und Notenbanken rechtzeitig gegensteuern können, wird die entscheidende Frage der kommenden Monate sein.
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