Minderheitsregierung, Medien und Antisemitismus-Debatte
Anna Schneider kommentiert die Antisemitismus-Debatte bei Grünen und Linke, das AfD-Papier zur Minderheitsregierung und Österreichs Bundespräsident bei der UN.
Dieses Video wurde am 25.09.2026 von WELT Nachrichtensender auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Die politische Woche in Deutschland war geprägt von der Debatte um den Umgang mit der Linken, einem viel diskutierten AfD-Papier zur Minderheitsregierung und der Frage, wie weit Journalisten einen Kanzler schonen dürfen. Dazu meldete sich Österreichs Bundespräsident Alexander Van der Bellen bei der UN-Vollversammlung in New York mit umstrittenen Aussagen zu Israel zu Wort. Kommentatorin Anna Schneider zieht klare Linien – und spart dabei weder an Kritik nach links noch nach rechts.
Grüne setzen Bedingungen gegen Antisemitismus – ein Schritt in die richtige Richtung?
Führende Grünen-Politikerinnen und -Politiker haben sich in dieser Woche klar zur Frage des Antisemitismus als Koalitionsbedingung geäußert. Omid Nouripour betonte, ein bloßes Bekenntnis „Wir sind keine Antisemiten” reiche nicht aus. Franziska Brantner formulierte es noch dezidierter: Antisemiten können schlicht nicht mitregieren.
Inhaltlich sind diese Positionen richtig. Bemerkenswert ist jedoch die Parallele zur Debatte über den Umgang mit der AfD: Genau das, was Historiker wie Andreas Wirsching seit Jahren für den Umgang mit Rechtspopulisten fordern – klare rote Linien, inhaltliche Bedingungen –, wird nun gegenüber der Linken angewandt. Mit dem entscheidenden Unterschied, dass mit der AfD weder geredet noch eine Koalition in Aussicht gestellt wird.
Gleichwohl greift auch das Argument nicht, dass Grüne mit der Linken grundsätzlich nicht sprechen sollten. Erzwungene Koalitionen der sogenannten Mitte befördern erfahrungsgemäß genau das, was man verhindern will: das weitere Erstarken der extremen Ränder.
AfD-Papier zur Minderheitsregierung: Gedankenspiel mit Sprengkraft
Ausgerechnet die AfD hat sich als erste Partei ernsthaft auf ein Szenario vorbereitet, das andere bislang kaum öffentlich durchdacht haben: eine Minderheitsregierung der Union. Ein internes Papier analysiert, welche Optionen entstehen könnten, sollte die CDU/CSU diesen Schritt wagen.
Der Blick auf die jüngsten Wahlergebnisse aus Berlin und Sachsen-Anhalt legt nahe, dass die Wählerinnen und Wähler die bisherigen Koalitionsformeln zunehmend abwählen. Die klassischen Gegenargumente gegen eine Minderheitsregierung lauten:
- Eine einzige Abstimmung mit der AfD würde SPD und Grüne dauerhaft beschädigen.
- Die Regierung wäre erpressbar und handlungsunfähig.
- Das Modell widerspräche der deutschen politischen Kultur.
Doch dieser Denkansatz hat eine Schwäche: Er akzeptiert eine Art politische Geiselhaft als deutschen Naturzustand. Parteien, die Anträgen allein deshalb nicht zustimmen, weil sie von der falschen Seite kommen – obwohl der Inhalt überzeugt –, riskieren ihre eigene Glaubwürdigkeit beim Wähler. Das gilt für die Linke ebenso wie für CDU, SPD oder Grüne.
Medienkritik: Darf man Friedrich Merz nicht mehr kritisieren?
Ein weiteres Reizthema der Woche: der Umgang von Journalisten mit Bundeskanzler Friedrich Merz. In sozialen Netzwerken und Fachkreisen machte die Haltung die Runde, man dürfe den Kanzler „nicht zu sehr kritisieren” – er leide ja ohnehin genug. Einzelne Kollegen mahnten, Journalisten sollten „nicht immer alles schlecht reden”.
Das ist eine gefährliche Verwechslung von Rollen. Journalismus hat keine Positivitätspflicht. Nachrichten lassen sich selten schönreden – und ein Kanzler steht nicht unter Presseschutz. Besonders auffällig: Jene Kommentatoren, die einst große Hoffnungen in Merz gesetzt hatten, sind nun mitunter am kritischsten. Das verwundert manche Beobachter. Dabei liegt die Erklärung nahe: Wer hohe Erwartungen hat, misst strenger – und wer eine anderthalbjährige Koalition mit der SPD als Geiselhaft erlebt, sieht den Kanzler zwangsläufig anders als zu Beginn seiner Amtszeit.
Van der Bellen bei der UN: Einseitige Israel-Kritik ohne Kontext
Am Rande der UN-Vollversammlung in New York sorgte der österreichische Bundespräsident Alexander Van der Bellen für Aufsehen. Bei einer Pressekonferenz sprach er pauschal von „Kriegsverbrechen, die Israel begeht” – ohne Belege, ohne den Gesamtkontext des Konflikts einzuordnen.
Wenige Tage vor dem Jahrestag des Hamas-Massakers vom 7. Oktober, bei dem Tausende Menschen ermordet wurden, wirkt eine solche Einordnung nicht nur unvollständig, sondern fahrlässig. Israel befindet sich regelmäßig in existenzieller Bedrohung durch islamistischen Terror – diese Dimension vollständig auszublenden, lässt die Sorgfalt vermissen, die man von einem Staatsoberhaupt erwarten darf.
Der Vorfall reiht sich in ein Muster ein, das auf internationaler Ebene immer wieder zu beobachten ist: Israel wird bei der UN herausgegriffen, während vergleichbare oder schlimmere Konflikte andernorts kaum Erwähnung finden. Als Bundespräsident eines Landes mit besonderer historischer Verantwortung gegenüber dem jüdischen Volk ist eine solche Einseitigkeit schwer zu rechtfertigen.
Die Debatten dieser Woche – von der Koalitionsfrage über die Rolle der Presse bis zur Außenpolitik – zeigen, wie sehr sich politische Maßstäbe verschieben, je nachdem, gegen wen sie angelegt werden. Konsequenz und Glaubwürdigkeit bleiben die knappsten Ressourcen im politischen Betrieb.
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