Dieses Video wurde am 20.08.2026 von Handelsblatt auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Für rund 25.000 Dollar versprechen immer mehr US-amerikanische Startups werdenden Eltern die Möglichkeit, Eigenschaften ihres Kindes gezielt auszuwählen – von der Intelligenz über die Körpergröße bis hin zur Persönlichkeit. Möglich machen soll das das sogenannte polygene Embryo-Screening. Die Technologie steckt zwar noch in den Kinderschuhen, wächst aber rasant. Wissenschaftler, Ethiker und Gesellschaft stehen damit vor einer der drängendsten Fragen unserer Zeit: Was darf Reproduktionsmedizin?
Wie polygenes Embryo-Screening funktioniert
Beim polygenen Embryo-Screening werden zunächst Embryos im Reagenzglas erzeugt und eingefroren. In dieser Phase analysieren spezialisierte Unternehmen das Erbgut der Embryos und berechnen statistische Risikowerte für bestimmte Eigenschaften oder Krankheiten. Das Verfahren geht damit deutlich weiter als die klassische Präimplantationsdiagnostik, die bislang vor allem auf schwere genetische Erkrankungen ausgerichtet war.
Einige Anbieter werben damit, das Risiko für Erkrankungen wie Alzheimer, Diabetes oder bestimmte Herzleiden zu senken. Andere gehen noch weiter und bewerten Merkmale wie den Body-Mass-Index oder kognitive Fähigkeiten – also Eigenschaften, die von Tausenden von Genvarianten gleichzeitig beeinflusst werden und damit schwer vorherzusagen sind.
Wissenschaftliche Kritik: Zu früh, zu lückenhaft
Viele Wissenschaftler stehen dem kommerziellen Angebot dieser Technologie skeptisch gegenüber. Ihre zentralen Einwände sind:
- Die genetischen Unterschiede zwischen einzelnen Embryos eines Elternpaares sind häufig gering.
- Die zugrundeliegenden Studien sind noch lückenhaft und liefern keine verlässlichen Vorhersagen für komplexe Merkmale wie Intelligenz.
- Polygene Scores, die aus Bevölkerungsstudien stammen, lassen sich nur bedingt auf individuelle Embryos übertragen.
- Umwelteinflüsse und Epigenetik spielen bei der Entwicklung von Eigenschaften eine ebenso große Rolle wie Gene.
Die Vermarktung der Technologie eile der eigentlichen Forschung weit voraus, warnen Fachleute. Eltern, die Tausende Dollar investieren, könnten damit falsche Sicherheit erkaufen.
Eugenik-Debatte: Eine alte Gefahr in neuem Gewand
Neben den wissenschaftlichen Bedenken wiegen die ethischen Einwände besonders schwer. Kritiker sprechen von einer schleichenden Rückkehr der Eugenik – der historisch belasteten Idee, den Menschen durch gezielte Selektion genetisch zu „verbessern”. Während Nazis und andere totalitäre Regime Eugenik einst als Staatsideologie betrieben, vollzieht sich die neue Variante marktgetrieben und individuell.
Besonders deutlich wird das am Beispiel des US-amerikanischen Paares Simone und Malcolm Collins. Sie propagieren offen das Ziel, eine „biologische Elite” zu schaffen, und haben dafür die Community Breeding Network gegründet. Solche Bewegungen zeigen, wie schnell aus einem medizinischen Angebot ein ideologisches Projekt werden kann.
Die Anbieter selbst betonen, dass sie sich der ethischen Sensibilität bewusst seien. Ihr Argument: Letztlich wähle man nur zwischen bereits vorhandenen Embryos – es werde kein Erbgut verändert. Kritiker lassen diesen Einwand jedoch nicht gelten, denn auch die gezielte Selektion natürlicher Embryos nach erwünschten Merkmalen folgt einer eugenischen Logik.
Weltweite Debatte dringend gefragt
Der rechtliche Rahmen für polygenes Embryo-Screening ist international höchst uneinheitlich. In Deutschland und vielen europäischen Ländern ist die Technologie in ihrer kommerziellen Form nicht zugelassen; in den USA hingegen agieren die Startups weitgehend unreguliert. Kritiker fordern deshalb eine verbindliche, weltweite Debatte darüber, welche Grenzen die Reproduktionsmedizin einhalten muss.
Die Fragen, die dabei auf dem Tisch liegen, sind fundamental: Welche Merkmale dürfen überhaupt gescreent werden? Wer kontrolliert die Anbieter? Und wie verhindert man, dass sich eine genetische Zweiklassengesellschaft herausbildet, in der nur wohlhabende Eltern ihren Kindern einen vermeintlichen Startvorteil kaufen können? Antworten darauf sind bisher ausgeblieben – die Technologie aber wartet nicht.
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