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„Wir sind der Deich” – mit diesem Slogan wirbt die SPD Sachsen-Anhalt wenige Wochen vor der Landtagswahl am 6. September 2026 um Stimmen. Die Botschaft: Die Sozialdemokraten wollen die „blaue Welle” der AfD aufhalten wie ein Deich das Hochwasser. Was das Wahlkampfteam um Spitzenkandidat Peter Willingmann offenbar übersah: Die vier Wörter sind gleichzeitig eine zentrale Zeile einer Hymne des Reichsarbeitsdienstes aus dem Jahr 1936 und tauchen bis heute auf den Seiten rechtsextremer Kleinstparteien auf.
Der Slogan und seine NS-Herkunft
Das Lied „Wir tragen das Vaterland in unseren Herzen” wurde 1936 von Wilhelm Decker geschrieben und war das Pflichtlied Nummer drei des Reichsarbeitsdienstes (RAD). Die erste Strophe lautet: „Wir sind das Reich und wir sind der Deich, um Volk und Arbeit und Freiheit zugleich.” Textidentisch mit dem SPD-Wahlkampfslogan ist dabei die Wendung „Wir sind der Deich” – nicht als loses Naturmetapher, sondern als weltanschaulicher Wesenskern einer NS-Organisation, deren erklärtes Ziel die ideologische Indoktrination junger Menschen war.
Die Textzeile findet sich heute noch auf der Homepage der rechtsextremen Kleinstpartei „Der Dritte Weg”, die das Lied als „deutsches Kulturgut” feiert. Wer den Slogan googelt, stößt nahezu gleichzeitig auf die SPD-Kampagne und auf neonazistische Seiten.
Wer war Wilhelm Decker?
Der Autor der Hymne war kein Mitläufer. Wilhelm Decker, 1899 in Rostock geboren, studierte Geschichte und Germanistik und wurde 1930 Reichstagsabgeordneter. Am 24. März 1933 stimmte er für das Ermächtigungsgesetz. Sein weiterer Aufstieg in der NSDAP verlief steil:
- 1935 wurde er zum Generalarbeiter im Reichsarbeitsdienst ernannt.
- 1939 erhielt er das Goldene Parteiabzeichen der NSDAP.
- 1940 wurde er in den Beirat der „Forschungsabteilung Judenfrage” im Reichsinstitut für Geschichte des neuen Deutschlands berufen.
- Er starb 1945 unter ungeklärten Umständen.
Decker war damit nicht nur Hymnenautor, sondern ein ideologischer Kernakteur des NS-Regimes mit direkter Beteiligung an der institutionalisierten Rassenideologie.
SPD verteidigt den Slogan – und der Werbespot verschärft die Debatte
Mit dem Nazi-Bezug konfrontiert, wies die SPD Sachsen-Anhalt die Kritik zurück. In einer schriftlichen Stellungnahme hieß es, die Metapher des Deiches als gemeinschaftlichem Schutz habe eine „eigenständige und weit darüber hinausgehende Verwendungsgeschichte”. Auch die „Omas gegen Rechts” hätten die Formulierung benutzt. Beim Lied handele es sich um die „isolierte Heranziehung einer Textzeile aus einem uns bis dahin unbekannten Lied”.
Der zugehörige Wahlwerbespot beginnt mit einer Katastrophensirene – einem akustischen Signal, das im kollektiven deutschen Gedächtnis tief mit Kriegsbombardements und Todesgefahr verknüpft ist. Die Kombination aus Sirenenklang, Flutmetaphorik und dem Aufruf zum Kampf gegen die „blaue Welle” zielt erkennbar darauf ab, AfD-Wählerinnen und -Wähler als existenzielle Bedrohung zu inszenieren.
Pikant: Die SPD verlor nach der CDU die meisten Stimmen an die AfD. Viele AfD-Wähler sind ehemalige Sozialdemokraten, die sich von der Partei nicht mehr vertreten fühlen. Exakt diese Menschen werden im Werbespot zur todbringenden Flut stilisiert.
Doppelstandard und politische Glaubwürdigkeit
Die Debatte wirft eine Frage auf, die über Sachsen-Anhalt hinausweist: Wie glaubwürdig bleibt eine Partei im Antifaschismus-Diskurs, die selbst auf eine NS-Parole setzt? Die SPD gehört zu den Parteien, die bei anderen Politikern oder Funktionären historisch belastete Formulierungen regelmäßig scharf anprangern – auch juristisch. AfD-Politiker wurden für deutlich weniger in die Pflicht genommen.
Dazu kommt: Die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt findet am 6. September 2026 statt. In Umfragen liegt die SPD bei fünf bis sieben Prozent und kämpft um den Einzug in den Landtag. Die AfD kommt dagegen auf Werte um die 40 Prozent. Ob der Negativwahlkampf mit Sirenenalarm und historisch belastetem Slogan noch Wählerinnen und Wähler mobilisiert oder weitere vergrault, bleibt offen.
Solange die Plakate mit dem Slogan „Wir sind der Deich” hängen und die Partei ihn verteidigt, liefert sie jedenfalls anderen Parteien und Kritikern eine Steilvorlage – ausgerechnet im Wahlkampf, den sie als Bollwerk gegen Rechtsextremismus verstanden wissen will.
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