Ukraine-Krieg: Auf wessen Seite stehen die USA?
Im Ukraine-Krieg agieren die USA zunehmend unberechenbar. Osteuropaexperte Stefan Meister erklärt, warum Kiew und Europa nicht auf Washington zählen können.
Dieses Video wurde am 23.10.2026 von Handelsblatt auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Im Ukraine-Krieg stellen sich immer mehr Beobachter die Frage, auf welcher Seite die USA eigentlich stehen. Während in Moskau Bereitschaft zu Gesprächen signalisiert wird und mögliche Verhandlungen für Mitte November im Raum stehen, bombardiert Russland die Ukraine weiterhin mit voller Intensität. Stefan Meister, Russland- und Osteuropaexperte bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP), zeichnet ein ernüchterndes Bild: Weder von den Verhandlungen noch von der US-Politik sei für die Ukraine Positives zu erwarten.
Verhandlungen ohne Substanz – Moskau zeigt keine Kompromissbereitschaft
Trumps Unterhändler Steve Witkoff traf sich in dieser Woche zunächst mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj und anschließend mit Wladimir Putin. Daraufhin bestätigte Putin, Russland sei bereit zu Gesprächen mit der Ukraine und den USA. Möglicher Ort: Abu Dhabi, möglicher Zeitpunkt: Mitte November.
Meister hält diese Ankündigungen für wenig belastbar. Russland führe parallel zu diplomatischen Signalen intensive Angriffe auf ukrainische Infrastruktur und die Zivilbevölkerung durch – unter anderem mit neu entwickelten Jet-Drohnen. Von echtem Verhandlungswillen könne keine Rede sein. Selenskyj wiederum habe keinerlei Spielraum, einem Abkommen zuzustimmen, das den Krieg nicht tatsächlich beendet.
„Ich halte das alles für Fake-Verhandlungen”, so Meister. Die Ukraine könnte am Ende unter die Räder kommen – nicht weil ein Deal scheitert, sondern weil die USA ihre Unterstützung weiter zurückfahren.
Der Starlink-Vorfall: Private Technologie entscheidet über Leben und Tod
Besonders aufsehenerregend war in dieser Woche der sogenannte Starshield-Vorfall. Das ukrainische Militär nutzt das Satellitennetzwerk Starlink von Elon Musks Unternehmen SpaceX zur Gefechtskommunikation. Die verschlüsselte Militärversion Starshield wird unter anderem zur Drohnensteuerung eingesetzt. Berichten zufolge wurde die Übertragungsgeschwindigkeit dieses Systems gedrosselt – mit unmittelbaren Folgen für die ukrainische Kriegsführung:
- Geringere Präzision beim Drohneneinsatz
- Eingeschränkte Lageübersicht über russische Truppenbewegungen
- Fehlende Vorwarnungen vor russischen Angriffen auf ukrainische Städte
Die Frage der Verantwortung blieb zunächst ungeklärt. Elon Musk schob die Verantwortung auf das Pentagon und Trump, Trump bestritt jegliche Beteiligung. Recherchen legen jedoch nahe, dass Musk hinter der Drosselung steckt und Trump sie gebilligt hat. Mittlerweile soll die Drosselung aufgehoben worden sein – eine offizielle Bestätigung der Ukraine steht aus.
Für Meister zeigt der Vorfall eine neue Realität: Private Technologiekonzerne sind so mächtig geworden, dass sie unmittelbar in Kriegsverläufe eingreifen können. „Regierungen haben zugelassen, dass private Unternehmen solche Macht haben”, sagt der Experte. Die enge persönliche Verbindung zwischen Musk und Trump verstärke dieses strukturelle Problem zusätzlich.
USA agieren ohne Strategie – Trump verfolgt kurzfristige Eigeninteressen
Auf die Frage, auf welcher Seite die USA stehen, gibt Meister eine klare Antwort: Donald Trump stehe vor allem auf der Seite Donald Trumps. Mit Blick auf die bevorstehenden Midterm-Wahlen und die angespannte Lage im Iran versuche der US-Präsident, die Energiepreise durch eine Annäherung an Russland zu senken und sich innenpolitisch als Friedensstifter zu profilieren.
Dabei zeigt sich Trumps Russland-Politik als widersprüchlich: Einerseits werden Sanktionen abgeschwächt, andererseits wieder verschärft. Eine kohärente Strategie fehlt vollständig. Meister urteilt: „Moskau spielt letztlich auch mit Trump.” Die russische Seite sei diplomatisch hochprofessionell und nutze die Planlosigkeit amerikanischer Unterhändler wie Witkoff und Jared Kushner gezielt aus.
Auch gezielte Desinformation aus Moskau sei nicht auszuschließen – allerdings brauche Russland womöglich gar keine ausgefeilte Einflusspolitik, wenn die amerikanische Seite selbst keine tragfähige Verhandlungsstrategie verfolge.
Europa und die Ukraine müssen auf eigene Stärke setzen
Die zentrale Lehre aus den vergangenen Wochen formuliert Meister unmissverständlich: Die USA seien kein verlässlicher Verbündeter mehr für Europa und die Ukraine. Trump könne jederzeit verbleibende Unterstützung – etwa im Bereich Geheimdienste, Luftabwehrsysteme wie das Patriot-System oder eben Starlink – kappen oder drosseln.
Für die Ukraine bedeutet das: Sie muss Alternativen entwickeln, so schnell wie möglich. Bei Drohnen sei das bereits gelungen – Mittel- und Langstreckendrohnen ersetzen teilweise fehlende Raketen. Auch eigene Langstreckenraketen seien in Entwicklung. Auf europäischer Ebene werde an einer Alternative zu Starlink gearbeitet, an der die Ukraine beteiligt sei.
Parallel empfiehlt Meister, den Dialog mit Washington nicht vollständig abzubrechen – denn Trumps Politik könne sich von heute auf morgen wieder ändern. Langfristig jedoch führe kein Weg daran vorbei, die Abhängigkeit von den USA systematisch zu reduzieren. Solange das nicht gelingt, droht die Ukraine in einem Konflikt zu versinken, den weder Verhandlungen noch ein unzuverlässiger Verbündeter beenden werden.
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