Dieses Video wurde am 15.08.2026 von WELT Nachrichtensender auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Das Spiegel-Cover mit AfD-Politiker Ulrich Siegmund hat eine breite Debatte ausgelöst: Schadet die Kampagne dem Hamburger Nachrichtenmagazin mehr als der AfD? Journalist und Fokus-Kolumnist Jan Fleischhauer, selbst langjähriger Spiegel-Redakteur, analysiert die Reaktionen – und kommt zu einem ernüchternden Urteil für die Blattmacher. Die Titelgeschichte, die Siegmund als gefährlichsten Mann Deutschlands inszeniert, dürfte dem Thüringer AfD-Politiker im Landtagswahlkampf in Sachsen-Anhalt eher nutzen als schaden.
Spiegel-Cover als Wahlkampfhilfe für Siegmund
Kaum war das Heft erschienen, griff Ulrich Siegmund selbst zu: Fleischhauer berichtet, er habe Siegmund dabei beobachtet, wie er sich einen Stapel Spiegel-Hefte nahm und diese signierte. Ein deutlicheres Symbol für unfreiwillige Wahlkampfunterstützung ist kaum denkbar.
Seit Donald Trump ist bekannt, dass es keine schlechte Publicity gibt. Die Logik gilt offenbar auch in der deutschen Innenpolitik. Wer als gefährlichster Mann Deutschlands tituliert wird, gewinnt Aufmerksamkeit – und im politischen Milieu der AfD-Wählerschaft häufig auch Sympathie.
Selbst der Chef des Bundesamts für Verfassungsschutz, der an einer Redaktionskonferenz teilnahm, soll die Berichterstattung gelobt haben. Doch dieser institutionelle Beifall aus dem westdeutschen Establishment dürfte im Osten eher als Bestätigung eigener Skepsis wirken.
Dünne Beweisführung für eine starke These
Was macht Ulrich Siegmund laut Spiegel so gefährlich? Fleischhauer listet die Kernvorwürfe des Artikels auf – und die klingen wenig bedrohlich:
- Er genießt den Wahlkampf und schöpft Energie aus der Begegnung mit Menschen.
- Er gilt als stets freundlich und zugewandt.
- Er war in der Schule als Frauenschwarm bekannt.
- Hinter ihm stehen angeblich rechte Netzwerke – ohne nähere Belege.
Die Beweisführung sei, so Fleischhauer, „ein bisschen dünn”. Deutschland zählt offiziell rund 410 islamistische Gefährder, von denen bekannt ist, dass sie unter Umständen zu konkreter Gewalt fähig sind. Einen Landespolitiker in eine Reihe zu stellen, die ihn als gefährlicher als jeden Islamisten darstellt, wirkt vor diesem Hintergrund nicht nur überzogen – es macht sich angreifbar.
Dämonisierung erzeugt Coolness-Effekt
Fleischhauer sieht im Spiegel-Cover den vorläufigen Höhepunkt einer Dämonisierungsstrategie, die die AfD seit Jahren begleitet und die nach seiner Einschätzung maßgeblich zu deren Wachstum beigetragen hat. Wer AfD-Politiker pauschal mit historischen NS-Figuren gleichsetze, mache zwei Fehler: Er zeige mangelnde Kenntnis des historischen Faschismus – und er übersehe den umgekehrten psychologischen Effekt.
Als Beispiel nennt Fleischhauer eine Schulklasse im Bundestag: Als Alice Weidel vorbeikam, wollten die Schüler Selfies mit ihr – während ihre Gemeinschaftskundelehrerin entsetzt versuchte, die Jugendlichen wegzuzerren. Etablierte Politiker wie Lars Klingbeil oder andere Parteivorsitzende passierten dieselbe Gruppe unbeachtet.
Die Dämonisierung, so Fleischhauers These, verleihe der AfD eine Art „Reiz des Verbotenen” – bis hin zu einer politischen Coolness, die frühere linke Theoretiker noch verstanden hätten, die heutige Medienmacher offenbar nicht mehr.
Realitätsverlust in der Redaktion?
Hinter der Kontroverse steht für Fleischhauer eine grundsätzliche Frage: Wie weit hat sich ein Teil der deutschen Leitmedien von der Lebenswirklichkeit weiter Bevölkerungsteile entfernt? Eine Redaktion, die im eigenen Saft schmore und sich einrede, mit einem Titelblatt Wahlen entscheiden zu können, unterschätze den Effekt ihres Handelns.
Gerade im Osten Deutschlands dürfte ein solches Cover den gegenteiligen Impuls auslösen: Wer dort noch schwankte, könnte durch die Kritik eines als westdeutsch empfundenen Mainstreammediums in seiner Wahlentscheidung bestärkt werden – nach dem Motto „jetzt erst recht“. Ob Siegmund in Sachsen-Anhalt tatsächlich die absolute Mehrheit erreicht, die er anstrebt, wird sich zeigen. Am Spiegel-Cover, das ihm unfreiwillig Wahlkampfhilfe leistet, wird es jedenfalls nicht scheitern.
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