Dieses Video wurde am 18.08.2026 von NIUS auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Vor der Sachsen-Anhalt-Wahl am 6. September 2026 sorgt ein Spiegel-Titel für Aufsehen: Das Magazin zeigt AfD-Spitzenkandidaten Ulrich Sigmund im Stil eines Fahndungsplakats und bezeichnet ihn als „den gefährlichsten Mann Deutschlands”. Meinungsforscher Hermann Binkert vom Institut INSA erklärt im Gespräch, warum diese Kampagne die AfD womöglich stärkt statt schwächt – und welche Szenarien für die Regierungsbildung in Magdeburg realistisch sind.
AfD mit 42 Prozent – und zusätzlichem Potenzial
In der aktuellen INSA-Sonntagsfrage erreicht die AfD in Sachsen-Anhalt 42 Prozent – ein Wert, der das übrige Parteienfeld weit hinter sich lässt. Doch Binkert verweist auf eine noch bedeutsamere Zahl aus der Potenzialanalyse: Weitere 7 Prozentpunkte an Wählern könnten sich vorstellen, am Wahltag die AfD zu wählen. Damit käme theoretisch fast jeder zweite Wahlberechtigte in Sachsen-Anhalt als AfD-Wähler infrage.
Dass die AfD überhaupt ein nennenswertes Zusatzpotenzial aufweist, wertet Binkert als ungewöhnlich – denn in anderen Bundesländern und auf Bundesebene fällt dieser Wert deutlich geringer aus. Bei der negativen Sonntagsfrage – also der Frage, welche Partei man auf keinen Fall wählen würde – schließen in Sachsen-Anhalt lediglich 42 Prozent die AfD aus. Bundesweit liegt dieser Ablehnungswert bei rund 50 Prozent, in westdeutschen Ländern mitunter bei 60 bis 70 Prozent.
Spiegel-Titel: Schuss, der nach hinten losgeht?
Der Spiegel-Titel mit dem Fahndungsplakat-Design hat den Sachsen-Anhalt-Wahlkampf bundesweit in den Fokus gerückt. Wo zuvor kaum überregionale Berichterstattung stattfand, folgten mehrseitige Berichte, Social-Media-Debatten und Reaktionen aus dem gesamten Mediensystem. Auch der öffentlich-rechtliche MDR veröffentlichte zur gleichen Zeit einen thematisch ähnlichen Beitrag – was den Eindruck einer koordinierten Kampagne verstärkte.
Binkert sieht in dieser medialen Aufmerksamkeit primär einen Mobilisierungseffekt zugunsten der AfD:
- Die Bürger in Sachsen-Anhalt nehmen ihre Landtagswahl plötzlich als bundespolitisch bedeutsam wahr.
- Die Frage, ob Sigmund wirklich „gefährlich” oder nur für politische Gegner unbequem sei, beschäftigt viele Wähler.
- Hohe Unzufriedenheit mit Bundesregierung und Bundeskanzler verstärkt den Wunsch, bei der Landtagswahl ein Zeichen zu setzen.
- Das Cover-Exemplar mit Sigmunds Unterschrift wird bei eBay für über 500 Euro gehandelt – ein Indikator für seinen Bekanntheitsgrad.
Inhaltlich, so die Kritik, liefere der Spiegel-Artikel kaum Belege für die titelgebende „Gefährlichkeit” – ein Glaubwürdigkeitsproblem, das den Mobilisierungseffekt zugunsten Sigmunds noch verstärken könnte.
Wahlbeteiligung und die 5-Prozent-Hürde
Bei der letzten Landtagswahl in Sachsen-Anhalt lag die Wahlbeteiligung bei rund 60 Prozent. Binkert rechnet für den 6. September mit einem deutlich höheren Wert – was für die kleineren Parteien zum Problem wird: Je mehr Menschen abstimmen, desto mehr Stimmen braucht eine Partei absolut, um die 5-Prozent-Hürde zu überspringen.
Aktuell bewegen sich mehrere Parteien in einem kritischen Bereich:
- SPD: 6 Prozent in der Sonntagsfrage, aber sichere Stimmen unter 5 Prozent; zusätzliches Potenzial von 17 Prozentpunkten
- BSW: knapp 5 Prozent – im Grenzbereich
- FDP und Grüne: jeweils rund 4 Prozent – aktuell außerhalb des Landtags
Taktische Wahlkampagnen, die Wähler anderer Parteien zur SPD oder zu den Grünen lotsen sollen, könnten nach Einschätzung Binkerts unbeabsichtigte Folgen haben – etwa Stimmenverluste für die CDU, die bei einem solchen Szenario unter die 20-Prozent-Marke rutschen könnte.
Regierungsbildung: Absolute Mehrheit für die AfD möglich
Sigmund selbst schloss in einem viral gegangenen Podcast-Interview – mit nach eigenen Angaben über 3 Millionen Aufrufen – eine Koalition mit der CDU weitgehend aus. Er forderte die Union auf, ihre politischen Positionen der vergangenen zwölf Jahre zu reflektieren, und bezweifelte, ob in der CDU noch ein nennenswert konservativer Geist vorhanden sei.
Binkert hält es für das wahrscheinlichste Szenario, dass vier Parteien in den Landtag einziehen – AfD, CDU, Linkspartei und SPD. Sollten es nur drei sein, hätte die AfD allein eine parlamentarische Mehrheit und könnte ohne Koalitionspartner regieren. In jedem Fall gilt nach Binkerts Analyse als sicher: Eine Mehrheitsregierung ohne AfD oder Linkspartei ist rechnerisch nicht darstellbar. Die CDU müsste sich entscheiden – und jede Entscheidung hätte Folgen weit über Sachsen-Anhalt hinaus.
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