Dieses Video wurde am 19.08.2026 von WELT Nachrichtensender auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Die Drohnenabwehr in Deutschland steht vor erheblichen Herausforderungen. Obwohl ein neues Drohnenforschungszentrum die Entwicklung und den Test von Technologien beschleunigen soll, mahnt Drohnenexperte Julian Kälberbaum zur Zurückhaltung: Die organisatorischen und rechtlichen Grundlagen hinken der Technologie deutlich hinterher. Behördliche Zuständigkeiten sind ungeklärt, und Vorfälle wie zuletzt in Leipzig zeigen, dass Deutschland noch weit vom Ziel entfernt ist.
Drohnenforschungszentrum: Chance, aber kein Allheilmittel
Das neue Forschungszentrum wird in der Branche grundsätzlich begrüßt. Es schafft einen juristisch geklärten Raum, in dem Flüge jenseits der Sichtlinie sowie größere Höhen erprobt werden können – beides im zivilen Bereich bisher kaum möglich. Die Industrie profitiert vor allem davon, dass aufwändige Einzelgenehmigungen wegfallen.
Kälberbaum betont jedoch, dass der eigentliche Mehrwert nicht allein im Testen von Technologie liegt. Entscheidend sei, das Personal zu trainieren, das diese Systeme im Ernstfall bedient. Technologien seien längst vorhanden – Deutschland könne vieles direkt aus den Erfahrungen der Ukraine adaptieren. Was fehle, sei der geschulte Mensch dahinter sowie ein klarer politischer Wille zum Einsatz.
Zuständigkeiten ungeklärt – Vorfälle in Leipzig als Warnsignal
Trotz wiederholter politischer Ankündigungen sind die behördlichen Zuständigkeiten bei der Drohnenabwehr in Deutschland weiterhin nicht abschließend geregelt. Kälberbaum verweist auf die jüngsten Vorfälle in Leipzig als Beleg, dass das System noch nicht greift.
Die Problematik ist nicht neu. Bereits im Sommer des Vorjahres gab es Drohnenüberflüge über Bundeswehrstandorte, darunter offenbar auch ein Patriot-Standort im Norden Deutschlands. Auch Vorfälle in Kopenhagen und Oslo rückten das Thema kurzzeitig in den Fokus – ohne dass nachhaltige Lösungen folgten. Kälberbaum fasst es nüchtern zusammen: „Das Thema hatte schon damals oberste Priorität. Jetzt sagt man das wieder.”
Private Drohnenabwehr als gangbarer Weg?
Eine mögliche Antwort auf den Personalmangel könnte die Einbindung privater Sicherheitsfirmen sein. Kälberbaum hält diesen Ansatz grundsätzlich für vertretbar – sofern klare Auflagen und rechtliche Rahmenbedingungen geschaffen werden.
Als Vorbild nennt er die Flugabwehr in Kiew: Dort überwachen Militärangehörige bürgernahe Abwehrteams, die aus der Zivilbevölkerung rekrutiert werden. Das Modell entlastet das Militär personell und hat sich als effektiv erwiesen. Für Deutschland lautet sein Fazit: „Es ist mir eigentlich egal, wer es macht – Hauptsache, wir machen es.”
- Klare gesetzliche Grundlage für private Drohnenabwehr fehlt noch
- Personalmangel bei Behörden und Militär ist ein zentrales Problem
- Trainingsinfrastruktur für den Ernsteinsatz muss ausgebaut werden
- Zuständigkeiten zwischen Bund, Ländern und Behörden sind nicht eindeutig geregelt
- Erfahrungen aus der Ukraine könnten als Blaupause dienen
Staatlich gesteuerte Angriffe erfordern staatliche Rückendeckung
Besonders besorgniserregend ist die Art der Bedrohung: Aktuelle Angriffe auf zivile Infrastruktur werden laut Kälberbaum professionell und mit staatlicher Unterstützung oder staatlichem Auftrag durchgeführt – etwa durch sogenannte Wegwerfagenten ausländischer Geheimdienste. Darauf mit halbherzigen Maßnahmen zu reagieren, reiche nicht aus.
Ob es um Drohnenangriffe oder Cyberangriffe geht: In beiden Fällen brauche Deutschland Fachleute mit der nötigen Expertise und der klaren Rückendeckung des Staates. Ohne diese Kombination sei kein wirksamer Schutz möglich.
Kälberbaums Fazit ist ernüchternd, aber eindeutig: Optimismus sei fehl am Platz, solange sich an der strukturellen Trägheit nichts ändere. „Euphorie ist jetzt nicht geboten” – so lange, bis nicht der nächste Vorfall erneut kurzfristige Aufmerksamkeit erzwingt. Ob das neue Drohnenforschungszentrum diesmal den Anstoß für dauerhaft wirksame Maßnahmen gibt, bleibt abzuwarten.
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