Dieses Video wurde am 19.08.2026 von BILD auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Die Ukraine steht im Sommer 2026 vor einem dramatischen Engpass: Patriot-Abwehrraketen sind kaum noch im Arsenal vorhanden, während Russland so viele ballistische Raketen abfeuert wie nie zuvor seit Kriegsbeginn. Allein im Juli 2026 wurden rund 130 russische Raketen abgefeuert – in einzelnen Nächten konnte die Ukraine davon keine einzige abfangen. Rüstungsexperte Fabian Hoffmann von der Norwegischen Militärakademie erklärt, warum dieser Mangel strukturell bedingt ist und welche Konsequenzen er für die Ukraine und Europa hat.
Produktion trifft auf explodierenden Bedarf
Das Kernproblem liegt in einem schlichten Missverhältnis zwischen Angebot und Nachfrage. Der US-Rüstungskonzern Lockheed Martin produziert weltweit lediglich rund 620 Patriot-Abfangraketen pro Jahr – für den gesamten globalen Bedarf. Russland hingegen feuert auf das Jahr gerechnet etwa 800 ballistische Raketen auf die Ukraine ab.
Erschwerend kommt hinzu, dass man in der Praxis selten nur eine einzige Abfangrakete pro angreifendem Projektil einsetzt. Die Abfangwahrscheinlichkeit liegt je nach Situation bei 60 bis 70 Prozent, weshalb militärisch zwei bis drei Abfangraketen pro Ziel angestrebt werden. Der tatsächliche Verbrauch übersteigt die Produktion damit um ein Vielfaches.
- 620 Patriot-Raketen: jährliche Weltproduktion von Lockheed Martin
- 800 ballistische Raketen: russischer Jahresbeschuss allein auf die Ukraine
- 2.400 Patriot-Raketen: Schätzung für einen vollständigen Schutz des ukrainischen Staatsgebiets
- 4 bis 7 Millionen US-Dollar: Stückpreis einer modernen Patriot PAC-3 (Exportmarkt)
Zu Beginn des Krieges wurden in manchen Szenarien bis zu 17 Patriot-Raketen eingesetzt, um eine einzige angreifende Rakete abzufangen – ein kostspieliger Fehler, der auf automatisch agierende Startsysteme zurückgeführt wird. Die Ukraine hat solche Verschwendung inzwischen abgestellt; heute ist man froh, überhaupt noch eine einzige Rakete zur Verfügung zu haben.
Der Winter als härteste Bewährungsprobe
Mit dem Herbst und Winter rückt die Gefahr russischer Angriffe auf die kritische Infrastruktur der Ukraine in den Vordergrund – Energieversorgung, Wärmenetz und Stromversorgung sind bevorzugte Ziele. Ohne ausreichende Luftabwehr kann die Ukraine diese Anlagen kaum schützen.
Hoffmann empfiehlt daher einen Strategiewechsel hin zur passiven Resilienz: mehr Schutzbunker bauen, Infrastruktur unterirdisch verlagern, Ersatzteile bevorraten und Reparaturprozesse beschleunigen. Aktive Raketenabwehr allein kann die Lücke nicht schließen.
Zugleich ist die Ukraine nicht der einzige Krisenherd, der auf Patriot-Systeme angewiesen ist. Der Bedarf im Nahen Osten und anderswo macht eine ausreichende Versorgung der Ukraine noch illusorischer. Die strukturelle Realität ballistischer Raketenabwehr lautet: Der Angreifer hat stets einen Kostenvorteil, weil seine Projektile erheblich billiger sind als die Abfangraketen des Verteidigers.
Wie eine Patriot PAC-3 funktioniert
Die modernste Variante, die Patriot PAC-3 MSE, setzt auf kinetische Energie statt auf einen klassischen Sprengkopf. Die Abfangrakete wird so präzise gelenkt, dass sie das ankommende Projektil durch direkten Aufprall zerstört – vergleichbar damit, zwei Pistolenkugeln in der Luft aufeinandertreffen zu lassen, nur in deutlich größerem Maßstab.
Dabei müssen beide Objekte mit enormer Geschwindigkeit manövrieren: Die ballistische Rakete versucht auszuweichen, die Abfangrakete muss in Echtzeit reagieren. Dafür sind hochpräzise Sensorik, leistungsfähige Radarsysteme und außergewöhnliche Manövrierfähigkeit auch in großen Höhen erforderlich. Diese technologische Komplexität erklärt, warum nur wenige Hersteller weltweit diesen Standard erreichen – und warum Kapazität und Preis so hoch bleiben.
Ukrainische Eigenentwicklung und Deutschlands Rolle
Als Reaktion auf den chronischen Mangel arbeitet die Ukraine an eigenen Luftabwehrsystemen. Das Rüstungsunternehmen Firepoint und das Projekt „Freier”, an dem sich europäische Staaten darunter Deutschland beteiligen, sollen mittelfristig eine Unabhängigkeit von US-Lieferungen schaffen.
Hoffmann warnt jedoch vor übertriebenen Erwartungen: Ballistische Raketenabwehr sei die „Champions League der Raketentechnologie” – kein System, das man schnell aufbaut. Als Beispiel dient Deutschland selbst: Eine Lizenz zur Produktion von Patriot PAC-2-Raketen wurde erteilt, der Spatenstich für die Fabrik im bayerischen Schraubenhausen erfolgte 2024 – doch bis Ende 2026 ist dort noch keine einzige Rakete vom Band gelaufen. Lizenzierung, Zertifizierung, Personalschulung und Bürokratie kosten schlicht Zeit.
Langfristig bleibt für Hoffmann eine unbequeme Schlussfolgerung: Wer sich nicht dauerhaft verteidigen kann, muss Abschreckung durch Gegenschlag glaubwürdig machen. Die Ukraine setzt bereits auf eigene Langstreckendrohnen und Marschflugkörper, um den Krieg auf russisches Territorium auszuweiten. Auch Europa müsse diesen Gedanken ernstnehmen – als Signal an Moskau, dass ein Angriff nicht folgenlos bleibt. Die Entwicklung eigener Abwehrkapazitäten bleibt dabei eine unverzichtbare, wenn auch langwierige Parallelstrategie.
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