AfD-Aufstieg: Repräsentationslücke und CDU-Krise
Warum gewinnt die AfD immer mehr Direktmandate? Experten diskutieren Repräsentationslücke, CDU-Führungsschwäche, Islamismus und Bildungskrise in Deutschland.
Dieses Video wurde am 16.09.2026 von WELT Nachrichtensender auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Der AfD-Aufstieg setzt die politische Mitte Deutschlands unter wachsenden Druck. Eine aktuelle Insa-Projektion im Auftrag der Bild-Zeitung zeigt: Würde heute gewählt, würde die AfD 144 von 299 Wahlkreisen direkt gewinnen – bei der Bundestagswahl 2025 waren es lediglich 46 Direktmandate. Das entspricht mehr als einer Verdreifachung. Drei Experten – die Ethnologin und Islamismus-Forscherin Susanne Schröter, der Sozialpädagoge und CDU-Kandidat Bernd Sigelko sowie Imam Shari Khali – diskutierten Ursachen und mögliche Antworten auf diese politische Entwicklung.
CDU zwischen Kalkül und Führungsschwäche
Anlass der Debatte war ein gemeinsames Schreiben der acht CDU-Ministerpräsidenten, das sich hinter Bundeskanzler Friedrich Merz stellte – ohne diesen namentlich zu nennen. Die Moderatorin wertete das als politisches Kalkül kurz vor den Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin, nicht als echte Überzeugung.
Das Schreiben formuliert, der Weg zu neuem Vertrauen führe „über das Zuhören und politisches Handeln, nicht über Personaldiskussionen”. Kritiker sehen darin jedoch das genaue Gegenteil von dem, was Bürgerinnen und Bürger fordern: echte Veränderung statt rhetorischer Stabilität.
CDU-Kandidat Sigelko räumte ein, dass die Partei inhaltlich stärker in die Offensive gehen müsse. Die CDU sei immer dann stark gewesen, wenn sie – wie unter Konrad Adenauer – aktiv handelte, statt nur reaktiv auf andere Themen zu antworten. Eine mögliche Nachfolgediskussion um Hendrik Wüst oder Markus Söder sei in der CDU-internen Debatte präsent, aber kaum jemand wolle öffentlich als „Kanzlerkiller” dastehen.
Repräsentationslücke als Nährboden für den AfD-Aufstieg
Susanne Schröter analysierte den Aufstieg der AfD als Folge einer politischen Repräsentationslücke, die vor rund zehn Jahren unter Angela Merkel entstand. Merkels Credo der „Alternativlosigkeit” habe unbeabsichtigt Raum für die Alternative für Deutschland geschaffen.
Konkret benennt Schröter drei Felder, auf denen die politische Mitte versagt habe:
- Migration: Das Thema wurde jahrelang unter den Teppich gekehrt oder unzureichend adressiert.
- Islamismus: Etablierte Parteien gingen das Thema nur mit „Spitzenfingern” an.
- Bildung und Sozialausgaben: Die wahrgenommene Ungerechtigkeit zwischen Arbeitenden und Nicht-Arbeitenden schürt Ressentiments.
Solange die Mitte diese Themen meidet, bespielen Extreme auf beiden Seiten das Feld, so Schröters Kernthese.
Islamismus, religiöser Extremismus und gesellschaftliche Integration
Imam Shari Khali widersprach der Fokussierung auf den Begriff Islamismus und plädierte für einen breiteren Blick auf religiös begründeten Extremismus weltweit. Er verwies auf Radikalisierungstendenzen in verschiedenen religiösen Milieus und betonte, muslimische Gemeinschaften müssten als Partner im Kampf gegen Rechtsextremismus gestärkt werden.
Schröter entgegnete scharf: In Europa gingen sicherheitsrelevante Bedrohungen durch religiös motivierte Gewalt derzeit ausschließlich von islamistischen Tätern aus. Eine Relativierung durch globale Vergleiche führe in die Irre. Zudem mahnte sie, bei der Zusammenarbeit mit muslimischen Gemeinden zu differenzieren – nicht jede Organisation biete ein demokratiestärkendes Angebot.
Bernd Sigelko schilderte aus seiner Arbeit mit der Arche, wie fehlende Integration und Parallelgesellschaften Hass und Extremismus begünstigen – und dass dieses Problem offen benannt werden müsse, ohne Muslime pauschal unter Generalverdacht zu stellen.
Bildungskrise: Deutschland schafft seine Zukunft ab
Sigelkos eigene These richtete den Blick auf ein strukturelles Langzeitproblem: Deutschlands Bildungssystem und Geburtenrate befinden sich in einem gefährlichen Abwärtstrend. Die jüngste PISA-Studie zeige, dass rund 30 Prozent der 15-Jährigen nicht ausreichend lesen oder rechnen können. Im UNICEF-Ranking zur Kinderarmut belege Deutschland Platz 25 – hinter Slowenien und Rumänien.
Als Sofortmaßnahmen forderte Sigelko unter anderem:
- Deutsch als Pflichtsprache für alle Menschen, die in Deutschland leben
- Mehr Familienförderung für den Mittelstand
- Stabilere Beziehungen zwischen Lehrpersonen und Schülerinnen und Schülern
- Gesellschaftliche Neubewertung von Familie und Kindern als Zukunftsinvestition
Warum das Thema in der öffentlichen Debatte trotzdem wenig Resonanz findet, blieb eine offene Frage der Runde: Migrationsnachrichten erzeugen weit mehr öffentliche Aufmerksamkeit als Bildungsberichte – obwohl beides eng miteinander verknüpft ist.
Die Debatte verdeutlicht, wie vielschichtig die Triebkräfte hinter dem AfD-Aufstieg sind. Personaldebatten in der CDU, ungelöste Integrationsfragen und ein erodierendes Bildungssystem greifen ineinander. Ob und wie die politische Mitte diese Lücken schließen kann, wird sich nicht zuletzt bei den bevorstehenden Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin zeigen.
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