Berlins neue Bürgermeisterin? Porträt İlal Çelik
Nach dem Wahlerfolg der Linken in Berlin könnte İlal Çelik regierende Bürgermeisterin werden. Wer ist die 45-Jährige – und welche Fragen bleiben offen?
Dieses Video wurde am 30.09.2026 von NIUS auf YouTube veröffentlicht. Zum Original-Video auf YouTube.
Nach der Abgeordnetenhauswahl am 20. September steht Berlin vor einer historischen Möglichkeit: Die Linke erzielte mit 25,7 Prozent ein starkes Ergebnis und könnte mit ihrer Spitzenkandidatin İlal Çelik erstmals in der Geschichte der Hauptstadt eine regierende Bürgermeisterin stellen. Wer ist diese Frau, die das Rote Rathaus künftig führen möchte – und welche politischen Kontroversen begleiten ihren Aufstieg?
Biografie und türkische Wurzeln als politisches Markenzeichen
İlal Çelik ist 45 Jahre alt und hat türkische Wurzeln, die sie bewusst in ihr politisches Auftreten einbettet. Im Berliner Wahlkampf warb sie gezielt in migrantischen Communities – unter anderem auf Türkisch – und sprach damit Bevölkerungsgruppen an, die bislang häufig weniger politisch mobilisiert waren.
Dieser Ansatz zahlte sich aus: Die Linke erzielte bei muslimischen Wählerinnen und Wählern besonders hohe Zustimmungswerte. Çelik sieht ihre Kandidatur auch als Signal, dass sich die Vielfalt Berlins künftig im höchsten politischen Amt der Stadt widerspiegeln soll.
Politische Positionen: Wohnen, Migration, Vergesellschaftung
Inhaltlich setzt Çelik auf klassisch linke Kernthemen, die in Berlin seit Jahren politisch umstritten sind. Ihre zentralen Forderungen im Überblick:
- Bezahlbares Wohnen als oberste Priorität für die Stadtpolitik
- Vergesellschaftung großer privater Wohnungsbestände
- Ablehnung von Abschiebezentren und restriktiver Migrationspolitik
- Stärkung migrantischer Teilhabe und Repräsentation in der Stadtgesellschaft
Mit diesen Positionen knüpft sie an das Volksbegehren „Deutsche Wohnen & Co. enteignen” an, das in Berlin 2021 eine Mehrheit erhalten hatte, politisch jedoch weitgehend folgenlos blieb. Çelik macht die Umsetzung zu einem Kern ihrer Kandidatur.
Mitgliedschaft in der Roten Hilfe und Verfassungsschutz-Debatte
Neben programmatischen Fragen wirft Çeliks Vergangenheit politische Fragen auf. Sie war über mehrere Jahre Mitglied der Roten Hilfe, einer Organisation, die der Berliner Verfassungsschutz als linksextremistisch einstuft. Ihr Landesverband der Linken bestätigte die Mitgliedschaft, erklärte aber, Çelik sei im vergangenen Jahr aus der Organisation ausgetreten.
Die Mitgliedschaft befeuert Diskussionen darüber, wie weit das politische Umfeld der Kandidatin vom demokratischen Mainstream entfernt ist – auch wenn ein Austritt formell vollzogen wurde.
Antisemitismus-Debatte belastet die Berliner Linke
Ein weiteres ernstes Thema ist der Umgang der Berliner Linken mit Antisemitismus. Bei einer Wahlkampfveranstaltung der Neukölner Linken kam es zu Gewaltaufrufen, von denen sich Çelik ausdrücklich distanzierte und sie als „absolut inakzeptabel” bezeichnete.
Dennoch steht die Partei wegen mehrerer Vorfälle unter anhaltendem öffentlichen Druck. Kritiker fordern eine klarere und konsequentere Abgrenzung gegenüber radikalen Strömungen innerhalb der eigenen Partei und ihres Umfelds.
Ob İlal Çelik tatsächlich zur ersten regierenden Bürgermeisterin Berlins wird, hängt von den noch laufenden Koalitionsverhandlungen ab. Ihre Kandidatur steht exemplarisch für eine Linke, die gesellschaftliche Vielfalt und soziale Umverteilung in den Mittelpunkt stellt – und gleichzeitig vor der Aufgabe steht, interne Widersprüche überzeugend aufzulösen. Wie sie diesen Spagat im politischen Alltag des Roten Rathauses meistern würde, bleibt die entscheidende Frage der kommenden Wochen.
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